Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

26JUN2020
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An den langen Schabbat- Nachmittagen lesen wir als Erbauungslektüre die Lehrmeinungen früherer Gelehrter, die Pirke Awot. In einem Kapitel (1:3) finden wir folgende Aussage des jüdischen Schriftgelehrten Antigonos, der im 2.-3. Jahrhundert vor der Zeit lebte:

„Seid nicht wie die Knechte, die dem Herrn nur in der Absicht auf Belohnung dienen! Seid vielmehr Knechte, die dem Herrn dienen ohne Absicht auf Belohnung! Und die Furcht vor dem Himmel sei bei euch!“.

Antigonos benutzte hier die Bildsprache des Orients und wollte mit dieser Aussage keineswegs die alltäglichen irdischen „Arbeitsverhältnisse“ ansprechen. Ihm ging es darum den Menschen, als einen Diener seines einzigen Herrn, G-tt darzustellen. Denn so manchem Menschen kommt die Beziehung zwischen G-tt und ihm selbst als ein „Dienstverhältnis“ vor. Der Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens jene Kräfte und Fähigkeiten, die ihm einst Sein Schöpfer schenkte. Gedanken über den G-tteslohn hat der Mensch nur für sich erdacht. Er kann, auf Grund seiner freien Willensentscheidung diesen Dienst ablehnen. Wir lesen im fünften Buch der Tora, in Deuteronomium (5.B.M.30:19): “…Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch, -- wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ – Der Mensch besitzt also das Vorrecht, für sich zwischen Gutem und Bösem die Wahl treffen zu können.

Der richtige Weg, das Gute, kann von uns manchmal ein Opfer oder Verzicht verlangen. Wird dieses Opfer „belohnt“? Gibt es dann einen „G-tteslohn“ für unsere Mühe?

Für Antigonos, dem vorhin zitierten altertümlichen Gelehrten sind diese Fragen nicht von Belang. Er lehrt uns, nicht des Lohnes wegen zu dienen, sondern bedingungslos, aus dem Bewusstsein heraus, dass wir Menschen zur Erfüllung Seiner Gebote erwählt worden sind.

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