Manuskripte

SWR1 3vor8

14JUN2020
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Ein Prozent der erwachsenen Deutschen besitzen fast ein Fünftel des Nettovermögens im Land – dagegen hat die ärmere Hälfte der Bevölkerung -- also 40 Millionen Menschen - nur gut ein Prozent des Vermögens. Diese ärmere Hälfte: Ich denke mir, dass sind unter anderem die, die für die ganze Familie nur einen PC haben. Daran machen die Eltern jetzt vielleicht Homeoffice. Und die Kinder haben keine Gelegenheit, beim Homeschooling dabei zu sein. Die Wohlhabenden dagegen, die können für jedes Kind einen eigenen PC kaufen. Die Lehrer wissen jetzt schon nicht, wie diese Unterschiede ausgeglichen werden sollen, die so entstehen.

In Jerusalem ungefähr im Jahr 35 soll das ganz anders gewesen sein. Lukas beschreibt in seiner Apostelgeschichte, wie es bei den ersten Christen zugegangen ist. In den evangelischen Gottesdiensten wird heute daran erinnert. Damals, schreibt Lukas, war die Gnade Gottes unter ihnen. Deshalb waren sie ein Herz und eine Seele und „es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte“ (Apg 4, 34). Denn, schreibt Lukas, wer Land oder Häuser hatte, der verkaufte seinen Besitz und sie gaben es denen, die es nötig hatten.

Wie schön! Denke ich mir, wenn es so war. Wie im Paradies. Wie schade, dass es damit inzwischen längst vorbei ist.

Aber dann erinnere ich mich: Gleich im nächsten Kapitel seiner Apostelgeschichte schreibt Lukas von einem Ehepaar, das zum Teilen nicht bereit war und seinen Besitz versteckt hat. Im übernächsten Kapitel schreibt er von den ausländischen Gemeindegliedern, die klagten, weil ihre Bedürftigen zu kurz kamen. Man hat das dann besser organisiert. Ein paar Jahre später, als es mehr Christen gab, hat der Apostel Paulus für die Bedürftigen um Spenden gebeten. Die Welt der jungen Christenheit war auch damals nicht das Paradies. Wenn man möchte, dass niemandem etwas fehlt, dann muss man das organisieren. Von allein klappt das nicht mit dem Teilen. Menschen sind keine Engel.

Aber wäre es nicht gut, wenn die Kinder der Ärmeren mitmachen könnten beim Homeschooling? Wenn die Künstler und Gastwirte ein Auskommen finden könnten, jetzt in der Krise, und nicht nur die Aktionäre eine Dividende bekämen?

Ich glaube, das muss man organisieren. Vielleicht das Steuersystem ändern, damit man die Kinder besser ausstatten kann, wenn die Eltern sich das nicht leisten können. Das ist eine Gnade, wenn das klappt, hat Lukas geschrieben. Wenn die Starken und Reichen verstehen, dass sie dafür etwas tun können. Dann hätten wir vielleicht auch im Jahr 2020 keine Spaltung in unserem Land, sondern wären ein Herz und eine Seele.

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„Deutschlands großer Rückfall“, SZ online, 7.10.2019

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