Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

06JUN2020
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Was kommt nach der Krise? Manche sagen: Dann wird alles besser. Die Welt wird sich positiv verändern. Sie reden von weniger Verkehr und Schonung der Natur, von Entschleunigung im Stress des Lebens und Konzentration auf das Wesentliche. Diese Krise ist die Chance, zu wachsen. Das kommt mir vor wie der Spruch, den meine Söhne vom Fußballtraining mitgebracht haben: „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“

Wer im Haus am Stadtrand mit Garten die Krisenzeit verbringt, der kann leicht so reden. Zwischen Hygge-Couch und Homeoffice hat man Zeit, sich auf seine Möglichkeiten jenseits der alltäglichen Hektik zu besinnen.

„Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!“ Dieser Spruch stammt von Friedrich Nietzsche, der das in seiner Götzendämmerung (1889) geschrieben hat. Da, wo er die vermeintlichen Götzen des Glaubens und der Moral verteufelt und die Selbstoptimierung der Herrenmenschen gepriesen hat.

Gott, an den wir Christen glauben, der zeigt allerdings etwas anderes. Jesus zum Beispiel, der stand einmal einer großen Menschenmenge gegenüber. Sie alle hatten Hunger. Und Jesus hat nicht gesagt: Daran könnt ihr jetzt wachsen! Fastet und betet, damit ihr bessere Menschen werdet. Nein! Jesus hat seinen Nachfolgern gesagt: „Gebt ihnen zu essen“. Und hat seinen ratlosen Jüngern gezeigt, was in so einer Krise möglich ist. „Schaut genau hin, was ihr habt – und teilt.“ Dann werden alle satt. Dann können alle diese Krise überstehen.

Genau hinschauen, was möglich ist und solidarisch teilen – das ist es, was man in einer Krise auch lernen kann. Das wäre ein Wachstum, von dem alle profitieren. So könnte die Welt wirklich eine andere, eine bessere werden. Das hat Jesus gezeigt, im Namen Gottes, der kein Götze ist, sondern ein mitfühlender, menschenfreundlicher Gott.

Vom Wachstum in der Krise zu reden, das ist leicht, wenn man keine materiellen Sorgen haben muss. Aber mit 3 Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, mit Kurzarbeit und Homeschooling –da können auch alle Beteiligten schweren Schaden nehmen.

Ich glaube, wenn unsere Welt wachsen soll an dieser Krise, dann ist genau das nötig, was Jesus empfohlen hat: Genau hinschauen: auf die, die weniger privilegiert sind als ich und auf die Möglichkeiten, die es gibt. Die Möglichkeit, an dieser Krise zu wachsen ist Solidarität. Solidarität mit denen, die keine eigenen Ressourcen haben. Der Streit um den Pflegebonus, der so vollmundig versprochen wurde und den jetzt keiner wirklich bezahlen will, der zeigt, wie schwer das ist.

Solidarität wird uns allen aus der Krise helfen. Wenn das gelingt, dann werden wir wachsen.

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