Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

02JUN2020
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„Atem Gottes“, so wird der Heilige Geist manchmal genannt. Jetzt an Pfingsten haben Christinnen und Christen die Herabkunft dieses Heiligen Geistes auf die Erde gefeiert. Der Heilige Geist als Atem Gottes: Die Vorstellung hat für mich in den letzten Wochen eine ganz neue Bedeutung bekommen. In diesen Corona-Krisen-Wochen. 

Ein Freund von mir, Anfang fünfzig, hat sich Mitte März mit dem Corona-Virus infiziert. Gut drei Wochen lang lag er im künstlichen Koma und am Beatmungsgerät. Es war eine sehr schwere Zeit für ihn und seine Familie und auch für uns Freundinnen. Ich habe in diesen Wochen immer wieder dafür gebetet, dass dieser Freund wieder selbstständig atmen kann. Aber das war schwierig. Ich musste lernen: Vom Beatmungsgerät wieder weg zu kommen, das ist gar nicht so einfach. Der Körper muss das Atmen wieder richtig erlernen und einüben. Als die Nachricht kam, dass das langsam wieder geht, war ich ganz schön erleichtert. 

Atmen können, das ist lebensnotwendig. Und Gott, so glaube ich als Christin, schenkt uns Atem und Leben. Schon in der Schöpfungsgeschichte am Anfang der Bibel heißt es: Gott formte den Menschen und blies in seine Nase den Lebensatem (vgl. Genesis / 1 Mose 2,7). Und von Jesus wird erzählt: Er haucht seine Jünger an und sagt zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! (vgl. Johannes-Evangelium 20,22) 

Der Heilige Geist, der jetzt an Pfingsten gefeiert wurde: Er steht für den Atem und die Lebendigkeit, die Gott in uns hineinhaucht. Ich bin so froh, dass mein Studienfreund wieder selbstständig atmen kann. Er ist auf dem Weg der Besserung. Ich bete für all die Kranken, die noch an den Beatmungsgeräten hängen und die das Atmen wieder lernen müssen. Und ich selbst, ich atme in diesen Tagen oft sehr bewusst ein und aus. Spüre den Lebensatem in mir. Und danke dafür, dass ich gesund bin, und für das Leben, das in mir steckt und das mir geschenkt ist.

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