Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29MAI2020
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Der Talmud, die nachbiblische, jüdische Überlieferung hält es für selbstverständlich, dass das Schawuot-Wochenfest Fest eine heilsgeschichtliche Bedeutung aufweisen kann, nämlich das Gedenkfest an die Offenbarung der Zehn Gebote der Tora am Berg Sinai.

Im Laufe der jüdischen Geschichte wurden die Israeliten aus ihrem Lande vertrieben. Die Fluchtwege führten sie in fast alle Länder der Erde... So verblasste im Volksgedächtnis die Landwirtschaft des Heiligen Landes und rückte schließlich in weite Ferne. Gleichzeitig wurde die heilsgeschichtliche Bedeutung, die ethisch- monotheistischen Inhalte der Heiligen Schrift vertieft. All diese prägen stärkend das große Erlebnis der Volksgeschichte: die kollektive Übernahme des Dekalogs, der Tora am Sinai zu Schawuot. Diese Übernahme verpflichtete die Ahnen, den Völkern die ethischen Lehren der Gebote weiter zu geben.

Bei diesem Fest fällt auf, dass die spirituellen Inhalte, die Zeremonien, die Zeremonialkunst des Festes in den Hintergrund drängen. Ein jedes Fest weist eine verbindliche Symbolik auf. Bei Schawuot kommen wir in Verlegenheit. Kein äußeres Zeichen kann versinnbildlichen, dass wir am Schawuot Träger und Verkünder der g-ttlichen Lehre, der Tora geworden sind. Die festliche Arbeitsruhe am Schawuot bildet fast das einzige, äußerlich sichtbare Merkmal dieses Festes. Man pflegt jedoch die Synagogen und die Häuser mit frischem, grünem Laub zu schmücken. Dies weist aber eher auf die naturverbundenen, klassischen Inhalte des Festes hin.

Seit dem 14. Jhdt. war es üblich geworden, dass man während der ersten Nacht von Schawuot wach blieb. Man pflegt bis heute aus den Werken der Bibel und der traditionellen Literatur kommentierend und erläuternd Lernvorträge zu halten. Es kann für Juden kein würdigeres Begehen dieses Festes geben, als gerade mit dem gemeinsamen Studium vor und mit der Gemeinschaft.

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