Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

23MAI2020
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Machen Sie jeden Morgen ordentlich ihr Bett? Wenn ja, dann sind sie auf einem guten Weg. Diese Auffassung hat jedenfalls ein früherer amerikanischer Militärkommandeur vor einiger Zeit in einem Buch vertreten. Der erste Schritt um das eigene Leben in Ordnung zu bringen sei, so meinte der Mann, jeden Morgen ordentlich sein Bett zu machen.

Zugegeben, das klingt schon schräg. Trotzdem glaube ich, dass der Mann nicht völlig daneben liegt. Denn dahinter steht ja die Idee, eine Struktur in meinen Tag zu bringen. Und das erste nach dem Aufstehen und Waschen könnte nun mal sein: Das Bett zu machen. Regelmäßig. Jeden Morgen. Ein Anfang. Doch ob es nun das Bett ist oder irgendwas anderes scheint nebensächlich. Entscheidender ist, eine Struktur in meinen Alltag zu bekommen. Feste Rituale, die sich wiederholen. Und die sind umso wichtiger, je größer das Chaos im Leben wird. Nicht wenige von uns haben das ja gerade wochenlang erlebt und erlitten. Da gabs dann statt der Fahrt ins Büro wohl nicht selten Homeoffice im Schlafanzug, manchmal bis zum Mittag. Anderen, die es schlimmer erwischt hat, ist ihre Tagesstruktur komplett weggebrochen. Und nicht wenige leiden darunter auch jetzt noch immer.

Deshalb habe ich nie die Zeit vergessen, nachdem meine Schwiegermutter gestorben war. Fast dreißig Jahre ist das her. Sie, die sich stets um alles gekümmert hatte, war nicht mehr da und mein Schwiegervater saß alleine in der Wohnung. Ohne Aufgabe, ohne Struktur. Wird er abstürzen, vielleicht verwahrlosen? Das haben wir uns damals gefragt. Doch dann hat mein Schwiegervater sich einen Plan gemacht. Morgens, immer zur selben Zeit, hat er das Haus verlassen. Hat kleinere Einkäufe erledigt und beim Friedhof vorbeigeschaut. Mittags dann zur festen Zeit etwas Warmes gegessen und am Nachmittag gings dann nochmal raus. So lief das penibel jeden Tag. Uns hat das mitunter amüsiert, aber ihn, da bin ich mir heute sicher, haben seine festen Rituale letztlich gerettet.

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