Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

22MAI2020
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„Social Distancing“. Auf deutsch: Soziale Distanzierung! Das Wort könnte glatt zum Wort des Jahres werden – oder auch zum Un-Wort? Auf den Warnplakaten, die jetzt an jedem Laden hängen, steht es meistens in nüchternem Behördendeutsch: Abstand halten! Eineinhalb Meter, mindestens. Um Infektionsketten zu unterbrechen und mich und andere nicht zu gefährden. Das ist und bleibt ganz wichtig! Und wenn es  dazu führt, dass unerwünschtes Angrapschen und sexuelle Übergriffe jetzt auch deutlich seltener werden – umso besser! Dann hätte es NOCH einen positiven Effekt.  

Dennoch glaube ich, dass das dauernde Abstandhalten nicht ganz spurlos an uns vorbei gehen wird. Weil wir Wesen sind, die Nähe brauchen. Die Nähe suchen zu anderen Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen, die wir mögen. Die uns im wahrsten Sinn des Wortes ‚nahe stehen‘. Das richtige Maß dafür ist ganz verschieden und bei jeder und jedem anders. Aber ganz ohne geht es eben auch nicht. Und es ist einfach etwas anderes, ob ich einem Menschen, den ich gut kenne, jetzt über zwei Meter zuwinke, oder ob wir uns die Hand geben oder umarmen können. Darum glaube ich, dass diese Zeit besonders schwer ist für so viele, die gerade alleine sind. Denen es schlecht geht. Die traurig sind oder krank. Nicht jede und jeder möchte berührt werden. Aber in solchen Situationen tut eine zärtliche Berührung vielen doch gut.

Es ist wohl kaum Zufall, dass in vielen biblischen Geschichten, in denen es um die Heilung von Krankheiten geht, Jesus die Kranken berührt. Ihnen etwa die Hand auf den Kopf legt oder über die Augenlider streicht. Menschliche Zuwendung und die sanfte Berührung durch einen vertrauten Menschen. Manchmal können sie Wunder wirken. Das schmerzhaft Paradoxe ist, dass wir aus Liebe zum anderen genau darauf wohl noch eine ganze Weile verzichten müssen.

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