Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

20MAI2020
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Im letzten Herbst hab ich es mal wieder nicht geschafft: Den Apfelbaum hinter meinem Haus endlich zurückzuschneiden und so sieht er auch aus. Kreuz und quer wachsen die Äste durch die Baumkrone. In den letzten Wochen stand er in voller Blüte und jetzt sind Unmengen kleiner Äpfelchen daran. Trotzdem weiß ich jetzt schon, dass die meisten Früchte wohl klein und unansehnlich sein werden. Es sind einfach viel zu viele. Und weil alles zu voll ist bekommen die meisten auch zu wenig Licht und Luft.

Ausmisten, wegwerfen, Platz schaffen ist etwas, das ich ganz gerne vor mir herschiebe. Nicht nur an meinem Apfelbaum. So wird dann der Schreibtisch immer voller und auf dem Sessel, der doch eigentlich zum Lesen gedacht war, stapeln sich nach und nach Zeitungen und Bücher. Dabei weiß ich, wie viel Zeit und Kraft das kosten kann, wenn ich ein bestimmtes Dokument brauche und erst ewig danach suchen muss. Zu dicht, zu voll, zu wenig Licht und Luft. Am Ende tut das auch meiner Seele nicht gut. Viel besser wäre, rechtzeitig Platz zu schaffen. Sich von Überflüssigem zu befreien und auf die Dinge zu konzentrieren, die jetzt wichtig sind.

Prüft alles und behaltet das Gutehat schon der Heilige Paulus seinen Freunden in der griechischen Stadt Thessaloniki (1Thess 5,21) geschrieben. Ein weiser Rat finde ich, der auf ganz viele Bereiche im Leben zutrifft: Mich immer wieder zu fragen, worauf es wirklich ankommt. In meinem Job, meinem Umgang mit anderen und auch in meinem Glauben. Um dann wirklich alles, was zu viel ist und mich behindert zurückzuschneiden. Neuen Platz zu schaffen für mehr Licht und Luft auch in der Seele. Für neue Gedanken, die mir wichtig sind. Für Menschen, die mir am Herzen liegen, und vielleicht ja auch für Gott.

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