Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

18MAI2020
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Wir bleiben zuhause! Die Zettel, die man an Ostern noch an manchen Wohnungstüren sah und die brav befolgt wurden, sind abgehängt. Nein, wir bleiben nicht mehr ganz so streng zuhause, ich auch nicht. Ich fahre nun wieder ab und an ins Büro. Nutze wieder Züge und Busse. Laufe in der Mittagspause auch mal wieder durch die Straßen der Stadt. Alles mit dem nötigen Abstand natürlich. Der bleibt wichtig. Und bei all dem wird mir deutlich, was ich in den letzten Wochen genossen, aber auch, was ich schmerzlich vermisst habe.

Ja, ich habe es genossen, nicht jeden Tag ins Büro fahren zu müssen. Nicht in volle Züge zu steigen oder lärmende Menschen um mich haben zu müssen. Denn wenn ich etwas lesen oder arbeiten will, nun, dann gibt es kaum schlimmeres als – andere Menschen. Die mich ablenken, die mir jede Konzentration rauben. Wie oft hab ich im Zug gar nicht erst den Laptop ausgepackt, weil es eh nichts bringt, weil konzentriertes Arbeiten nicht möglich ist. „Die Hölle, das sind die anderen“, hat der französische Dichter Jean-Paul Sartre in einem berühmten Theaterstück mal geschrieben. Manchmal ahne ich, was er da gemeint hat.

Doch je länger ich daheim im stillen Kämmerlein arbeiten musste, umso klarer ist mir auch geworden, was ich schmerzlich vermisst habe. Andere Menschen. Die Kollegen, mit denen ich mal ein Schwätzchen auf dem Flur halten kann. Die Mitfahrer und Zugbegleiter, die ich oft jeden Tag getroffen habe. Den Bettler, der an der immer gleichen Stelle sitzt und dem ich nun kein Geldstück in seinen Becher werfen kann.

Ich hätte nie gedacht, dass ich alle mal vermissen würde. Und wenn sie mich im Zug nun wieder mal nerven sollten, dann werde ich mich wohl still lächelnd in einer christlichen Tugend üben: In Demut. Und mich mit gebotenem Abstand freuen, dass sie wieder da sind. Die anderen.

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