Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

20MAI2020
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„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Das ist ein Satz aus dem Neuen Testament, aus dem biblischen „Hebräerbrief“ – und er hat es in sich. Er hat ein fast schon „philosophisch“ zu nennendes Gewicht, und er verdient es meditiert zu werden, gerade in diesen Tagen.

Ich erlebe die gegenwärtige Gesellschaft als im höchsten Maße verunsichert: Die Erfahrungen einer Virus-Pandemie wirbeln viele Übereinkünfte und Selbstverständlichkeiten durcheinander, die unser alltägliches Leben sonst so verlässlich regulieren. Auf der anderen Seite sind die Erfahrungen, die wir mit dieser Viruserkrankung machen, noch zu dürftig, um wirklich Schlüsse daraus ziehen zu können, die Entspannung bringen und uns zur Tagesordnung übergehen lassen.

Deshalb schweben über uns die Fragen: „Wie lange noch?“, „Mit welchen Folgen?“, „Wie verwundbar sind wir – wie belastungsfähig?“ Ich spüre, auf diese Fragen in jenem Satz aus dem Hebräerbrief eine Antwort erhalten zu können – zumindest eine erste Orientierung.

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“

Glaube und Hoffnung werden hier eng aufeinander bezogen, ineinander verschränkt. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, sagt man so beiläufig. Ein schlechter Satz! Konkrete Erwartungen können „sterben“. Sie können enttäuscht werden. Aber Hoffnung ist für mich mehr: Dass ein Mensch überhaupt Zukunft hat und auf sie bewusst und offen zugeht, ohne gleich in Ängsten zu versinken - das ist für mich das Grundprinzip Hoffnung. Offen zu sein für morgen.

An dieser Zukunftsperspektive festzuhalten, sich auf sie hin zu orientieren – das nennt der Hebräerbrief „Zuversicht“, und eben dies, zuversichtlich zu sein, ist „Glaube“; mit anderen Worten also ein Vertrauen auf die Lebenszeit, die vor mir liegt.

Woher kommt solches Vertrauen? Worauf gründet es sich? Der Satz aus dem Hebräerbrief spricht es selbst nicht aus, aber der Zusammenhang verrät es: Vertrauen kann nur dort wachsen, wo mir meine Zukunft aus der Hand Gottes entgegenkommt. Weil sie letztlich seine Handschrift trägt, kann ich zuversichtlich, voll Vertrauen sein. Auch und gerade dann, wenn es noch nichts zu sehen gibt.

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