Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

22MAI2020
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„Corona, das ist jetzt die Strafe. Wir waren zu geldgierig, wir haben unserer Umwelt zu viel zugemutet, wir haben zu viel gesündigt… und jetzt kriegen wir’s zurück.“ Das habe ich jetzt schon öfter gehört.
Und immer, wenn ich das höre, dann schaudert es mich. Gott, der uns straft? Er lässt Kranke und Alte sterben, damit alle mal so richtig spüren, dass sie Mist gebaut haben? Was für ein Gott wäre das denn?

Ich glaube nicht, dass Gott so ist: Ich möchte Ihnen deshalb erzählen, was in der Bibel von Noah erzählt wird. Ich finde, da kann man Gott ziemlich gut kennenlernen.

Noah baut also eine Arche. Er steigt mit seiner Familie und vielen Tieren ein. Es regnet. Und regnet. Und tatsächlich sterben in dieser Sintflut alle Menschen und Tiere, die nicht in der Arche sind. Denn Gott war die Bosheit der Menschen satt. Zwar schmerzt ihn sein Entschluss (1.Mose 6,5-8), die Menschheit zu vernichten, erzählt die Bibel. Aber dennoch: Nur den rechtschaffenen Noah, den will Gott retten.

Erstmal scheint die Geschichte die Vorstellung zu bestätigen. Gott straft. Und zwar auf eine unglaublich grausame Art und Weise. Aber wissen Sie, was mich wundert: Warum vertraut Noah diesem Gott, der so rachsüchtig erscheint. Wie kann ein Mensch diesem Gott vertrauensvoll anhängen?

Ich glaube, Noah kannte Gott besser, als Gott sich selbst. Noah vertraut auf einen guten Gott, der seine Menschen liebt. Nur so kann Noah diese Zeit in der Arche, diese Isolation, diese Zukunftsangst überstehen.

Und als alles vorbei ist, als Noah gerettet ist, da sieht Gott das Unheil, das er angerichtet hat. Und da verändert er sich. Er überwindet seine Wut. Er lässt seine Liebe zu den Menschen Überhand gewinnen. Und er verspricht: Nie mehr will ich eine Sintflut schicken, nie mehr will ich die Erde verderben (1.Mose 9,11.12). Das Zeichen dafür ist der Regenbogen. Noah hatte Recht mit seinem Vertrauensvorschuss.

Ich weiß nicht, was Corona ist. Aber eine Strafe Gottes ist es nicht.

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