Manuskripte

Anstöße sonn- und feiertags

21MAI2020
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Was man nicht mehr hat oder nicht mehr darf, das wird gerade dadurch besonders kostbar. Das wussten wir schon immer. Aber so richtig bewusst ist es uns erst in den vergangenen Wochen geworden. Besonders, wie wichtig körperliche Nähe ist. Klar, wir hatten schon Kontakt, manche sogar viel Kontakt. Und doch: Es hat etwas gefehlt, das durch noch so viel Telefonieren und Skypen nicht wirklich auszugleichen ist. 

Das spürt man erst recht, wenn man einen geliebten Menschen durch den Tod verloren hat. So ging es auch den Freunden Jesu vor zweitausend Jahren. Die brutale Hinrichtung am Karfreitag hat alles zerstört, was sie gehofft und geglaubt hatten. Aber dann spricht sich unter seinen Freunden herum, er sei gar nicht tot, er lebe, und er zeige sich immer wieder, hier und da, ganz unvermutet, und immer merke man erst hinterher, dass er es war, er selbst, der Tote, der Lebende. Nicht zu greifen sei er. Nicht festzuhalten. Nicht anzufassen. Nicht zu fassen er selbst, nicht zu fassen, was man sich erzählt.

Vierzig Tage sei das so gegangen, erzählt der Evangelist Lukas. Und dann, bei der letzten Begegnung, da sei er vor ihren Augen ‚in den Himmel erhoben‘ worden. 

Wie die Geschichte des Jesus von Nazareth weiterwirken würde, das kann damals niemand ahnen. Das Einzige, was seinen Freunden bleibt, ist sein Abschiedswort: Ich gehe, und doch bleibe ich bei euch – für immer.Sie brauchen eine Weile, bis ihnen klar wird: So wird er ihnen jetzt nicht mehr begegnen, nicht mehr wie ein leibhaftiger Mensch, den man sehen und hören kann, den man umarmen will und festhalten. Aber anders wird er da sein. Wenn wir uns an ihn erinnern, sagen und tun, was wir von ihm gelernt haben, dann wird es sein, wie wennwir ihn hören, sehen, umarmen würden. 

Und das spüren Christen und Christinnen bis heute. Nein, nicht immer, und auch nicht immer so, dass es sich warm und heimelig anfühlt. Jesus an meiner Seite, das ist zugleich auch herausfordernd. Bin ich denn wirklich bereit, nach seinem Maßstab zu leben? Ich bin es nicht immer. Aber immer, wenn ich mich an ihn erinnere, schaut er mir gleichsam über die Schulter, sieht mich an, ermutigt mich, nimmt mich mit. Ganz ohne Skype, ohne Zoom, noch nicht mal mit Telefon. Unfassbar.

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