Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

18MAI2020
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Was könnte man einem Hundertjährigen zum Geburtstag schenken? Gar nicht so leicht. Erst recht, wenn der Jubilar schon tot ist – und auch noch ein Papst war!

Johannes Paul II. wäre heute hundert. Aus diesem Anlass ging mir diese Frage durch den Kopf. Und auch eine andere: Was habe ich an ihm besonders geschätzt? Da musste ich nicht lange nachdenken: Barmherzigkeit. Die war ihm besonders wichtig. Es war ihm ernst damit, auch ganz persönlich. Das hat sich gezeigt, als ein Attentat auf ihn verübt wurde, das er um Haaresbreite überlebt hat. Johannes Paul II. hat seinem Attentäter vergeben. Er hat ihn im Gefängnis besucht und lange unter vier Augen mit ihm geredet. 

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“. (Lukas 6,36) Dieser Aufforderung Jesu an seine Freunde wollte der Papst aus Polen folgen. Und darin fühle ich mich ihm sehr verbunden. Auch wenn ich manches andere, was er entschieden und vertreten hat, nicht verstehe und anders beurteile. Etwa sein ganz traditionelles Frauenbild oder seine enge Sexuallehre. Aber heute, an seinem runden Geburtstag, möchte ich das aufnehmen, was uns verbindet. Ich will diesen Tag zu einem ‚Tag der Barmherzigkeit‘ machen, zu meinem ganz persönlichen. Dieser Gedanke soll mich heute durch den Tag begleiten. Ob das vielleicht ein Geburtstagsgeschenk wäre? 

Barmherzig sein – da fang ich gleich mal bei mir selbst an, denn auch heute wird es viele Gelegenheiten geben, mich selbst fertigzumachen und zu verurteilen. Barmherzig will ich heute auch auf alles schauen, was mir begegnet. Auf Menschen, mit denen ich heute irgendwie Kontakt habe. Ich will einen liebevollen Blick einüben, der nicht nur kalt seziert, sondern versteht und notfalls auch großzügig verzeiht. Ich will mein Herz aufdehnen, damit es weit wird und viel Platz hat. Platz hat für Viele, die Erbarmen brauchen. Der barmherzige Blick sieht mehr, tiefer, anderes als nur die Oberfläche, die oft nur Fassade ist. Eine Fassade, die zusammengehalten wird von der Angst, kein Erbarmen zu finden. 

Mein ‚Tag der Barmherzigkeit‘, vielleicht kann er mein Herz ein bisschen weiter machen, verständnisvoller, kompromissfähiger. Eben: barmherzig, wie auch Gott, den wir Vater nennen, barmherzig ist.

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