Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

06MAI2020
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Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Das sagt Jesus. So steht im biblischen Buch der Offenbarung. Vor kurzem bin ich zufällig auf diesen Satz gestoßen – und daran hängen geblieben. Wahrscheinlich, weil mich das Bild beschäftigt in Zeiten, in denen fast nie jemand vor der Tür steht und ich auch selbst nirgends klopfen oder klingeln sollte.

Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Als erstes hat mich der Satz von Jesus aus der Bibel daran erinnert, was gerade fehlt. Vor allem der zweite Teil, wo es weiter heißt: Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und mit ihm essen und er mit mir. Die eigene Tür aufmachen oder woanders zu Gast sein, unterschiedliche Menschen treffen, zusammen essen und trinken – seit das kaum noch möglich ist, merke ich erst so richtig, wie schön und kostbar es ist, mit anderen zusammen am Tisch zu sitzen. So richtig, beim Essen, und nicht nur am Computer. Nicht umsonst ist „Tischgemeinschaft“ in der Bibel der Inbegriff von Lebensfreude, aber auch von Frieden und Versöhnung.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass der Bibelvers für mich in diesen Zeiten auch etwas Tröstliches hat. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn Jesus das sagt, dann steckt dahinter die Vorstellung, dass Gott immer da ist. Ganz in der Nähe, quasi vor meiner Tür. Auch wenn da sonst gerade Leere herrscht. Und gerne hereinkommt. Auch, wenn sonst niemand da ist.

Schließlich hat mich der Satz aus der Bibel aber auch noch in einer ganz anderen Richtung ins Nachdenken gebracht: Gibt es gerade in diesen Wochen vielleicht auch andere Klopfzeichen, die ich hören könnte? Klopfzeichen, die mich innerlich erreichen können – weil um mich herum weniger Lärm und Betrieb herrscht als sonst? Vielleicht wäre jetzt die Gelegenheit, mal den Gedanken die Tür aufzumachen, deren Klopfen ich sonst geflissentlich überhöre – weil sie mir im Alltag zu abwegig scheinen. Gedanken, wie ich zum Beispiel anders, nachhaltiger, leben könnte.

Vielleicht lade ich dadurch, dass ich das zulasse, tatsächlich auch Jesus zu mir ein. Mit seinen sperrigen und herausfordernden Ideen – der Idee zum Beispiel, dass Vertrauen die Basis des Lebens ist. Und mit den Gefühlen, die er mitbringt – der Selbstliebe zum Beispiel, die die Grundlage der Nächstenliebe ist.

Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Ich glaube es tut gut, sich jetzt Zeit für die leisen Klopfzeichen zu nehmen, die sonst leicht zu überhören sind. Nicht immer ist es angenehm, was einem da begegnet. Aber ich bin sicher, dass sich auch wichtige Impulse daraus ergeben können.

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