Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

05MAI2020
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Vielleicht steht auch bei Ihnen in der Nähe einer dieser beeindruckend schönen Baumriesen: Mammutbäume. Was denken Sie – wie viele dieser stattlichen Bäume kann man pflanzen, wenn man ein Pfund Mammutbaumsamen hat?

Diese Frage hat schon im Jahr 1864 die königliche Bau- und Gartendirektion in Württemberg beschäftigt. Mit erstaunlichem Ergebnis. Auf Wunsch von König Wilhelm bestellten seine Fachleute in den USA Samen der in Europa erst kurz zuvor bekannt gewordenen Baumart. Ein Pfund davon, so erzählt eine Variante dieser amüsanten Geschichte, schien ihnen eine gute Menge zu sein. Denn Samen von Mammutbäumen, die bis zu 100 Metern hoch werden können, so die naheliegende Annahme, müssten eine gewisse Größe und damit auch ein gewisses Gewicht haben.

In Wirklichkeit aber haben die Samen am ehesten die Form einer zu klein geratenen Haferflocke – und sind federleicht. Das bestellte Pfund Samen hätte für bis zu 10 000 Jungbäume gereicht. Die Setzlinge wurden in der Stuttgarter Wilhelma aufgezogen und im ganzen Land verteilt. Tatsächlich sind bis heute in Württemberg etwa 200 dieser über 150 Jahre alten Mammutbäume zu finden.

Als ich davon gehört habe, habe ich mir so einen winzigen Mammutbaumsamen zum ersten Mal bewusst angesehen. Seitdem stehe ich erst recht staunend vor den riesigen Bäumen. Und ich muss an das biblische Gleichnis vom Senfkorn denken, das Jesus erzählt hat: Er hat das unscheinbare Senfkorn als Bild gebraucht: Aus dem winzigen Samen wächst ein ganzer Baum, der sogar Vögeln ein Zuhause gibt. So, hat Jesus gesagt, ist es auch mit dem „Reich Gottes“, mit Gottes neuer, bessere Welt, die im Kommen ist: Die Anfänge sind bescheiden, manchmal kaum sichtbar. Aber es wird etwas Großes draus.

Unscheinbare Zeichen, kleine Anfänge, in denen viel Potential steckt – die gibt es, glaube ich, immer wieder im Leben. Gerade jetzt in den letzten Wochen. Die kleinen Balkonkästen und Beete, in denen, wie auch bei uns im Garten, jetzt Gemüse gepflanzt wird. Vielleicht bewirken die auch im Großen ein Umdenken, ob jede Tomate quer durch Europa gereist sein muss. Oder die gewissenhaften Anrufe der Enkel bei den Großeltern, um sie aufzumuntern und den Kontakt zu halten – vielleicht vertieft sich dadurch ja insgesamt der Zusammenhalt unter den Generationen.

Kleine Anfänge, aus denen Großes werden kann. Es kommt darauf an, sie nicht zu übersehen. Die winzigen Mammutbaumsamen, die ich in einem Glas auf dem Schreibtisch stehen habe, erinnern mich daran, aufmerksam zu bleiben – und das Kleine nicht gering zu schätzen.

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