Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

04MAI2020
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Was ist eigentlich mit den Glocken? Sollen sie am Sonntag weiter läuten? Auch wenn kein Gottesdienst ist? So haben viele Kirchengemeinden sich im März gefragt. Schnell war klar: Die Glocken läuten weiter. Auch am Sonntagmorgen um 10 Uhr. Obwohl in der Kirche kein Gottesdienst gefeiert wird. Oder gerade deshalb.

Tatsächlich habe ich in Gesprächen festgestellt: Viele Menschen hören in den letzten Wochen sehr bewusst auf die Kirchturmglocken. Für die, die viel – und vielleicht sogar allein – zuhause sind, sind die Glocken oft eine Art hörbarer Gruß von draußen. Ein Gruß, der tröstlich sein kann, weil er mit anderen in der Nachbarschaft und im Ort verbindet. Wenn das volle Glockengeläut am Sonntagmorgen zu hören ist, tut es manchen gut zu wissen, dass jetzt auch in anderen Häusern gebetet, gesungen oder ein Bibeltext gelesen wird. Und abends um sieben, nach dem Abendläuten, singen oder musizieren bei uns im Ort Nachbarn zusammen, mit Abstand, auf dem Balkon, am offenen Fenster oder auf der Straße. Es sind auch viele dabei, für die die Kirchenglocken sonst keine große Rolle spielen. Jetzt warten alle gemeinsam auf das Startsignal vom Kirchturm.

So tun die Glocken in der Corona-Zeit das, was sie von jeher getan haben: Sie strukturieren den Tag und erinnern an Zeiten der Gemeinschaft. Und machen uns so bewusst, dass das Leben und die Welt größer sind als das, was uns gerade vor Augen liegt. Damit schaffen die Glocken eine Verbindung zwischen Menschen – und vielleicht auch eine Verbindung zwischen Himmel und Erde.

Welche Botschaft wir im Klang der Glocken dann hören, ist sicher für jede und jeden unterschiedlich. Mir gefällt der Gedanke, den Bob Dylan in seinem Lied „Chimes of Freedom“ – „Glocken der Freiheit“ – besungen hat. Die Glocken, so heißt es in einer deutschen Nachdichtung seiner Verse: „Sie erklingen für die Schwachen, die gebrechlichen Kranken. Sie klingen für Wächter und Beschützer der Gedanken, für den vergessenen Maler, dessen Werke versanken.“ Und: „Sie läuten für die Verletzten, die nichts und niemand heilt, für die Verirrten, Verwirrten und jeden, der ein ähnliches Schicksal teilt. Und für jeden verzweifelten Menschen auf der ganzen weiten Welt.“

Ich glaube, es ist gut, daran zu denken, wenn in diesen Tagen Glocken läuten. Und vielleicht auch das zu tun, woran Glocken uns Menschen seit alters her auch erinnern: zu beten. Für uns selbst und die anderen.

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