Manuskripte

SWR1 3vor8

26APR2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Von meiner Mutter habe ich ihre Fotoalben geerbt, als sie ins Betreute Wohnen gezogen ist. Seither habe ich ein sehr schönes Foto meiner Schwester als vielleicht sechsjährigem Mädchen. Der Schnappschuss zeigt sie in Latzhose. Sie steht aufrecht im Wald und blickt offen und ernst in die Kamera. Kein süßes, braves Mädchen, sondern ein freies, aufrechtes Kind. Ich meine, darin die Erziehungsideale unserer Eltern und Lehrer Mitte der 70ger Jahre zu sehen. Alles soll sie fragen und sagen können. Darauf vertrauen, dass andere ihre Gefühle und Bedürfnisse beachten. Sich ausprobieren. Für sich und andere einstehen und sich auf dem Pausenhof wehren, wenn ihr jemand blöd kommt.

Heute ist uns evangelischen Christen ein Abschnitt der Bibel zum Nachdenken gegeben, der in den Ohren meiner freiheitsliebenden Schwester sehr fremd klingen muss. Ich werde sie mal fragen.

Im ersten Petrusbrief wird Jesus nämlich als vorbildliches Beispiel dafür angeführt, sich gefügt zu haben. (1 Petr 2, 21-25)

Er hat sich nicht gewehrt, als er zu Unrecht angeklagt, gequält und schließlich getötet wurde. Er hat sich noch nicht einmal verteidigt. Er hat Beleidigung ohne Widerworte ertragen, keine Vergeltung angedroht. Das verwirrt Freund und Feind bis heute. Warum wehrt er sich nicht? Warum sagt er nichts? Warum tut er nichts?

Ich glaube, weil das auch eine Möglichkeit ist, für die man sich unter den gegebenen Bedingungen bewusst entscheiden kann. Jesus hat sich dafür entschieden, das grausame Spiel seiner Gegner nicht nach deren Regeln mitzuspielen. Sein Beispiel zeigt, dass es auch unter fürchterlichen Bedingungen immer noch möglich ist, zu tun, was man selber für richtig hält. Man kann z.B. auf Vergeltung, verzichten, oder verletzende und zerstörende Widerworte bleiben lassen oder eine Therapie ablehnen. Jesus ist damit nicht der Gewalt anheimgefallen, sondern hat sich Gott anheimgestellt. Er war nicht einfach wehrlos – er hat sich Gott anvertraut. Er wollte nicht zu denselben bösen Mitteln greifen, die seine Gegner angewandt haben. Die sollten ihm nicht diktieren, wie er reagieren und was er tun würde.

Das wird einigen wie Spitzgras sein. Das ging mir auch erst so. Aber inzwischen scheint mir: Jesus hat unter den vorgegebenen Bedingungen ein freies Leben geführt. Er hat von einer Freiheit Gebrauch gemacht, die ich mir heute, zwei Wochen nach Ostern wünsche, für meine Mutter, meine Schwester und für mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30772