Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

17APR2020
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Als wäre es das Lebensmotto der letzten Wochen: „Rühr mich nicht an“. Seit der Zeit der Corona-Pandemie denk ich oft so, wenn mir andere Menschen zu nahe gekommen sind. Beim Spazieren gehen oder in der Kassenschlange im Laden, immer wieder denke ich da: „Bleib weg“ – „Rühr mich nicht an“. 

Der Clou dabei: Das ist fast ein Zitat aus der Bibel. Jesus sagt dasselbe nämlich zu Maria Magdalena, als er ihr am Ostermorgen begegnet. Sie ist zu seinem Grab gegangen, voll Trauer. Und was sie da erlebt, schleudert sie richtig hin und her. Zuerst findet sie den toten Jesus nicht, weil er verschwunden ist. Dann fragt sie bei einem Gärtner nach, und als dieser sie bei ihrem Namen „Maria“ anspricht, erkennt sie in ihm Jesus. Jetzt müsste doch alles gut sein. Maria Magdalena fällt vor Jesus zu Füßen und möchte ihn festhalten. Er weist sie aber zurück und sagt: „Rühr mich nicht an.“ 

Ich habe diese Zurückweisung von Maria Magdalena schon immer eigenartig gefunden. Wie soll denn jetzt wieder alles gut sein, wenn sie Jesus nicht nahe sein darf? Wenn er aufstanden ist und sie dann immer noch keinen Kontakt zu ihm haben kann, ist doch gar nichts besser geworden. Aber so ist es ja dann doch nicht. Der Tod hat diese Beziehung nicht gekappt, aber verändert. Aber Maria Magdalena muss erst lernen, wie das geht. Sie kann dabei auf das bauen, was ihre Freundschaft mit Jesus auch vorher schon ausgemacht hat. 

Die Erfahrungen, die ich in der Corona-Krise gemacht habe, sind zwar nicht eins zu eins dasselbe. Die Botschaft, dass Jesus auferstanden ist, macht alles Leben neu. Das Leben vor dem Tod, aber auch ich hoffe auch auf ein glückliches Leben nach dem Tod. Aber in der Corona-Krise habe ich lernen müssen, wie ich mit meiner Familie und meinen Freunden in Beziehung bleiben kann, auch wenn wir uns nicht physisch begegnen. Dank Telefon und Whatsapp kein Problem. Wenn ich an Maria Magdalena denke, ahne ich, dass es noch ganz andere Dimensionen gibt, wie ich mit anderen Menschen verbunden sein kann: Wenn ich an sie denke und wenn ich für sie bete. Das klingt womöglich banal, aber wenn ich es lerne, so mit andern Menschen verbunden zu sein, dann ist das ja schon eine Form, die über den Tod hinaus wirken kann. Der Spuk von Corona ist hoffentlich irgendwann wieder vorbei. Ostern zeigt mir schon, was ich danach noch mehr lernen will: Wie ich die geistige Nähe zu anderen Menschen pflegen kann.

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