Manuskripte

SWR3 Gedanken

14APR2020
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Vor einiger Zeit ist mir ein Wortmonster begegnet: Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz Das bedeutet Folgendes: Wir Menschen können die allermeisten Dinge nicht. Wir können zum Beispiel nicht unendlich lange leben, oder wir können nicht sagen, wie das Wetter in zwei Wochen wird. Aber eine Sache können wir Menschen ziemlich gut: Wir können damit klarkommen, dass wir das Allermeiste nicht können. Das heißt, wir tun etwas Anderes stattdessen, wir können das kompensieren. Konkret heißt das: Ich vertreibe mir die Angst vorm Sterben einfach mit irgendwas Anderem – Eis essen zum Beispiel oder Serien schauen. Oder ich nehme vorsichtshalber die lange unddie kurze Hose mit in den Urlaub, dann ist es egal, wie das Wetter in zwei Wochen wird. Das ist Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz. Ich komme ganz gut damit klar, dass ich so vieles nicht kann oder weiß.

Wir können auch nicht komplett verhindern, dass sich das Corona-Virus weiter ausbreitet und dass sich weiter Leute anstecken. Aber ich kann schauen, dass das nicht ganz so schnell passiert. Ich kann daheimbleiben und mit Freundinnen und Freunden über Telefon und Video-Chat plaudern. Ich kann in der Nachbarschaft den Leuten helfen, die nicht mehr raus können. Oder ich kann einfach mal wieder Leuten schreiben, von denen ich schon lange nichts mehr gehört habe. Das ändert alles nichts daran, dass das Virus noch da ist. Aber ich kann kompensieren.

Klar, ich kann auch ohne Ende Klopapier und Nudeln kaufen, aber ich habe mir vorgenommen sinnvoll zu kompensieren. Mit etwas, was mir Hoffnung macht, was mich positiv denken lässt oder was mich zum Lachen bringt. Wenn ich das dann noch mit anderen teile, dann würde ich sagen, ist das ein ziemlich ausgefeiltes Krisen-Management.

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