Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Im Moment gibt es nur ein Thema: „Corona“. Verständlich! Da greift ein neuartiges Virus um sich – und es fehlen alle Erfahrungen, wie man damit eindämmend und heilsam umgehen kann. Die aktuellen massiven Einschränkungen im sozialen und öffentlichen Leben zeugen davon.

Eine große Herausforderung für alle: Da muss der Familienalltag neu geplant werden, berufliche Tätigkeiten sind still gestellt oder wandeln sich, und Zeiten, die sonst mit sportlichen Unternehmungen, kulturellen Veranstaltungen oder geselligen Treffen gefüllt werden, bleiben leer…

Ich frage mich: Sind die Herausforderungen nur Problem, Belastung, Depression? Oder bergen sie auch Chancen? Für mich, für die Beziehungen, in denen ich stehe, für diese Gesellschaft?

Die verordnete Zwangspause wirkt zunächst einmal lähmend – und sie kann zu quälender Langeweile führen. Was tun, wenn das, was sonst meine Freizeit bestimmt – Kino, Konzerte, Sport, Feste feiern und Essen gehen – nicht mehr möglich ist? Vielleicht lassen sich in den Pausen aber auch Freiräume entdecken.

Wir befinden uns gegenwärtig vom Kirchenjahr her ja in der Fastenzeit. Das Prinzip des Fastens war schon immer „Freiheit durch Askese“. Anstelle üblicher Gewohnheiten, die den Alltag bestimmen, kann man im Fasten Neues entdecken: die Zeit üblicher Nahrungszubereitung und des Essens lässt sich füllen durch Beten und Meditieren. Das war die traditionelle Praxis seit Jahrhunderten, bis man das Fasten neu definiert hat als Zeit der Enthaltsamkeit von bestimmten Konsumgütern oder Luxusartikeln: kein Alkohol, kein Fernsehen, keine Fahrten mit dem PKW…

Gewiss, zum Fasten entscheidet man sich in der Regel freiwillig, während mir die Corona-Pandemie eine Zwangspause verordnet. Dennoch könnte die gewonnene Zeit Gelegenheit für Dinge eröffnen, die sonst hinten anstehen: ein gutes Buch lesen, mit den Kindern spielen, im Garten arbeiten oder auch Beten, Meditieren, zur inneren Ruhe finden.

Manch einer mag in diesen Tagen von apokalyptischen Gefühlen ergriffen sein. Immerhin, die gesellschaftliche Welt, in der wir leben, ist eine andere geworden. Ich möchte jedoch eine Ermutigung aussprechen, so wie es die biblischen Propheten auch getan haben: In vielen Krisen, auch in dieser, liegt eine Chance zur Selbstbesinnung und Veränderung.

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