Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Neulich habe ich spätabends an der S-Bahn eine schlimme Schlägerei beobachtet. Ein Mann ging ganz brutal auf einen anderen los. 

Ich hatte Angst. Erstmal habe ich deshalb die Straßenseite gewechselt. Dann bin ich doch nochmal stehen geblieben. Ich habe mich umgedreht. Und als ich gerade die Polizei per Handy informieren will, sehe ich wie sich einige weitere Passanten zusammentun. Gemeinsam schlichten sie den Streit. Ich bin froh. Da haben ein paar wirklich Zivilcourage und Mut besessen. Ich bin heimgegangen. Aber das Ganze hat mich nicht losgelassen. Hätte ich mehr Mut gebraucht? Mehr tun können? Couragiert zu handeln, ist gar nicht so einfach. Das habe ich an dem Abend gemerkt. 

Umso mehr bewundere ich zwei Frauen, von denen die Bibel erzählt. Schifra und Pua haben als Hebammen im alten Ägypten gearbeitet. Sie haben vom Pharao den Auftrag bekommen, bei der Geburt hebräischer Kinder die Söhne umzubringen.  So sollten die verhassten Ausländer weniger werden. Doch die Frauen haben sich diesem Befehl widersetzt 

Was für Frauen, denke ich heute: Mutig und taff. Und ein gutes Beispiel für zivilen Ungehorsam. Zwei Frauen, die als Hebammen eigentlich unbedeutend und ziemlich machtlos waren. Klug und mit einer schlauen Ausrede widersetzen sie sich dem unmenschlichen Befehl. So sind sie auch selber nicht in Gefahr geraten. 

Ich stelle mir vor, wie ich an Puas oder Schifras Stelle gehandelt hätte. Hätte ich mich dem Befehl widersetzt oder nicht? Ich weiß es nicht. Aber ich finde es beeindruckend, wie sich diese Frauen gegen den Befehl wehren. Ich glaube: das haben sie nicht aus eigener Kraft getan. Sie sind fromm und glauben an Gott, erzählt die Bibel. Sie vertrauen darauf, dass er ihnen beisteht. Und deshalb glaube ich, dass Gott durch diese beiden Frauen gewirkt hat. Er hat ihnen die Kraft gegeben über sich selbst hinauszuwachsen. So handeln sie ohne Angst vor Konsequenzen. 

Ich habe mir vorgenommen, mich öfter an Schifra und Pua erinnern. Die beiden ermutigen mich, Gott wirklich zu vertrauen und mein Leben in seine Hand zu legen. Und ich hoffe: Gott gibt auch mir die Kraft mich für meine Mitmenschen einzusetzen.

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