Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Was kann in einer Zuneigung oder einer Ablehnung, die ich erfahre, alles noch mitschwingen? Ist ein Kuss immer nur Zeichen einer liebevollen Verbundenheit,

ein schönes, zärtliches Lippenbekenntnis? 

Es gibt bekanntlich auch den anderen Kuss, der mit Verrat verbunden wird und als Heuchelei gilt. Benannt nach dem Jünger Jesu, der einst der Kassenwart der Gruppe war - nämlich den Judaskuss. 

Judas Iskarioth: Verraten und überliefert hat er Jesus an seine Gegner mit einem Kuss. Knapp steht die Szene so in der Bibel: „Judas trat auf Jesus zu und sagte:

„Sei gegrüßt, Rabbi! und küsste ihn.“ (Matth 26,49) 

Die niederländische Schriftstellerin Lot Vekemans hat diese Szene und die Gestalt des Judas ausgelotet. In ihrem Theaterstück JUDAS, in einem langen Judasmonolog.

Die Schlüsselszene für ihr Verständnis von Judas ist die Rückfrage von Jesus an Judas. Jesus, der weiß, dass Judas ihn verrät, fragt  ihn:

„Freund, wozu bist du hier?“ (Matth 26,50) Also: Was willst du damit?
Was hat dich zum Verrat bewogen? Und was verrät dein Kuss über dich selber? 

Lot Vekemans ist – wie ich finde -  gründlich und produktiv dieser Reaktion von Jesu auf Judas Kuss nachgegangen. Und hat aufgedeckt:

In diesem einen Kuss steckt im Grunde das ganze Leben des Judas.

Alle seine Sympathien für Jesus – alle seine Hoffnungen, die ihm an Jesus aufgegangen sind. Und auch alle seine Enttäuschungen.
Judas hat erwartet und fest damit gerechnet: Jetzt wird alles besser.
Eine andere Welt ist greifbar nahe.
Und Jesus wird dafür sorgen, dass die Römer, die das Land besetzen, aus dem Land vertrieben werden.
Doch der von Judas so bewunderte Rabbi Jesus – sein Seelsorger – tut dafür nichts. Und das ist für Judas so enttäuschend, so unerträglich.
Sein Verrat soll Jesus provozieren: Zeig deine Macht! Organisiere Widerstand!

Leg endlich los! 

In Judas steckt mehr als Verrat. Selbst im Judaskuss.

Judas nennt Jesus „Mein Lehrer!“ Und Jesus antwortet: „Freund!“

Der Verräter und der Verratene - enttäuschte Liebe und immer auch noch Zuneigung. Gegenseitig. 

So vermischt und ineinander verwoben können Gefühlsäußerungen sein.

Mich macht das sensibel.

Und animiert mich zum Nachdenken.

Ich will lernen, besser zu verstehen: Was kommt alles in Zuneigung und Ablehnung, die ich erfahre, zum Ausdruck. Wie kann beides auch verwoben sein!

Das kann, so glaube ich, vor allzu schnellen Reaktionen schützen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30594