Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

24MRZ2020
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Wenn nichts mehr geht. Kraftlos, ohne Antrieb, wie ausgebrannt.

Wenn sich mein Leben jetzt – angesichts der Pandemie –  so anfühlt, dann denke ich manchmal:

Wie muss das erst für Mütter sein, die mit ihren Kindern auf der Flucht sind
und nicht weiter kommen, entkräftet – ohne eine Aussicht auf Rettung.

Mütter, die ihre Ohnmacht erfahren. 

Es gibt in der christlichen Kunst ein Motiv, da ist diese Erfahrung in einem Bild konzentriert: »Die Ohnmacht Marias“. Ich habe vor kurzem eine solche Skulptur gesehen. Sie stammt aus Oberschwaben – entstanden um 1420. Künstler oder Künstlerin sind unbekannt.

Die Skulptur zeigt Maria, die miterlebt hat, wie Menschen ihren Sohn beleidigt und gequält, verspottet und gekreuzigt haben.

Maria stand dabei – bis zuletzt – , heißt es in der Bibel (Joh 19,25).

Ihre Liebe, ihre Empathie ist mitgegangen - bis zum letzten Atemzug.

Doch nun ist ihr Sohn unter Qualen gestorben. Vor ihren Augen.

Sie fällt - völlig entkräftet - in Ohnmacht, erblasst, mit hängenden Armen. 

Maria fällt in Ohnmacht – und fällt doch nicht.

Sie ist umgeben von einer Dreiergruppe, die ihr in größter Not den Rücken stärken.

Sie fällt in die Arme der beiden anderen Marien, die Jesus bis nach Golgatha begleitet haben. Sie stehen hinter ihr, sie stützen sie, sie halten ihren Kopf.

Und die dritte Figur, – nach dem Johannesevangelium ist das der Jünger, den Jesus liebte – hält ihren rechten Arm.

Die drei stehen Maria bei in ihrer Ohnmacht – mit ihrer Liebe. 

»Marias Ohnmacht« ist für mich zu einem Bild für Trost und Hoffnung geworden.

In größter Schwäche darauf hoffen:

Wenn du gar nicht mehr kannst, sind da welche in deiner Nähe, auf die es jetzt ankommt, die lassen dich nicht fallen – die halten und stützen dich. 

Maria ist wieder auf die Füße gekommen. Sie hat nach Ostern neue Hoffnung geschöpft, ihren Ort in der Gemeinde der ersten Christen gefunden (Apg 1,14).

Das Motiv »Marias Ohnmacht« ist für mich auch zu einer Ermutigung geworden: 

Entkräfteten beizustehen ist nicht vergebens.

Wenn auch nur für einen Moment – für eine Zeit – für einen Weg.

Auch für Verzweifelte auf der Flucht aus Krieg und Hunger kann es diese Erfahrung geben: Menschen lassen sie nicht allein. Unterstützen sie nach besten Kräften.

Viele kommen wieder auf die Füße.

Viele können wieder ein neues Leben beginnen:
In einem Beruf – in einer Partnerschaft. 

Gut, wenn in der Ohnmacht jemand da ist.

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