Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

23MRZ2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Menschen wollen und sollen immer wieder über sich hinauswachsen.

In immer neuen Varianten. 

Zur Zeit propagiert das intensiv eine Geistesströmung, die als »Transhumanismus« bezeichnet wird.

Ziel sei es demnach, die Schwächen des Menschen hinter sich zu lassen, körperliche und auch mentale Grenzen. Menschen seien Mangelwesen, die optimiert, beziehungsweise durch lernfähige Maschinen ergänzt und überboten werden sollen.

Die »Software« Mensch soll gewissermaßen durch haltbare Hardware wie Maschinen und lernfähige Roboter optimiert werden. Auch die Gentechnologie soll dabei helfen. „Defekte“ im Genom sollen „rausgeschnitten und durch leistungsfähigere Bauteile ersetzt werden. 

Um nicht missverstanden zu werden: Ich schätze technologische Forschungen.

Ich hoffe auf sie, auf wirksame Medikamente und Impfstoffe, die gerade jetzt und hoffentlich bald Krankheiten überwinden helfen.

Doch als christlicher Theologe hinterfrage ich das Menschenbild, das sich mit Transhumanismus verbindet und propagiert wird. 

In der Bibel gelten Mann und Frau als Ebenbilder Gottes - wenn sie mit ihren Fähigkeiten und Potentialen Mensch bleiben.

Doch wer ist der Mensch, dieses Ebenbild Gottes? 

War es nur schusselig oder läppisch, als der römische Statthalter Pilatus diese zwei Worte über Jesus sagte?: „Ecce homo.“ – „Siehe, ein Mensch.“

Wollte er damit nur sagen: „Nicht mehr als das. Was habt ihr euch.“

Die zwei Worte aus Pilatus´ Mund sind mehrdeutig.

Ich vermute, Christen haben dieses - „Siehe, ein Mensch“ - sehr bewusst Pilatus in den Mund gelegt. Um ihn zweierlei sagen zu lassen. Jesus ist ganz und gar ein Mensch. Und zugleich – so glauben Christen – ist dieser leidende, weinende und enttäuschte Jesus, den Andere demütigen und verspotten, dieser gar nicht heroische Mensch – das wahre Ebenbild Gottes, sein Sohn.

Wenn er mit Armen und Kranken, mit Gestörten und Gescheiterten unterwegs ist,
mit denen, die nicht alles auf die Reihe kriegen, dann beginnt genau da eine neue Welt – das Himmelreich, wie Jesus sagt.
Der wahre Mensch ist ein verletzbares, unvollkommenes Wesen. 

Das ist für mich Ermutigung und Trost.

Jetzt, da mir meine Schwächen und Ängste so sehr bewusst sind.

Wo ich spüre:
Ich kann nichts ausrichten – angesichts einer umfassenden Pandemie. 

Da darauf vertrauen: Den Schwachen und Gedemütigten, den wahren Menschen Jesus, hat Gott nicht im Stich gelassen. Sondern neu Leben geschenkt.

Mit dieser Hoffnung will ich meine Grenzen und Schwächen annehmen – und meine Potentiale einsetzen – Tag für Tag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30592