Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Krisen bringen das Beste und das Schlechteste im Menschen hervor“. Diese Lebenserfahrung bewahrheitet sich in diesen Tagen mal wieder.
Wenn zum Beispiel Menschen Unmengen an Klopapier oder Konserven kaufen und so mehr, viel mehr horten als sie es brauchen und es anderen damit wegnehmen. Es gibt aber auch Menschen wie die Frauen in meinem Supermarkt, die die Leute, die mit ihren Hamsterwaren an die Kasse kommen, so freundlich wie deutlich zurück an die Regale schicken und bitten, mit einer normalen Menge zurückzukommen. Oder es gibt mittlerweile Netzwerke, die für ältere oder kranke Menschen einkaufen und dafür sorgen, dass sie sich nicht allein fühlen. Ganz zu schweigen von all den Menschen, die gerade dafür sorgen, dass Kranke behandelt, Gesunde geschützt und Lebensmittel erhältlich sind. Also ich erlebe gerade viel mehr vom Besten der Menschen als vom Schlechtesten. Darüber bin ich ziemlich froh und hoffe, dass das auch so bleibt.
Denn wenn die gesundheitliche Krise überstanden ist, wird es eine wirtschaftliche geben. Und da wird sich zeigen, ob sich eines der schlimmsten seelischen Viren der Menschheit verbreiten wird: der Egoismus. Oder sein Heilmittel, der Gemeinschaftssinn, die Solidarität oder christlich ausgedrückt: die Nächstenliebe. Zu dieser Frage heute schon mal folgende ermutigende Geschichte*:

„Eine fromme Frau bittet Gott den Himmel und die Hölle sehen zu dürfen. Gott erlaubt es ihr und führt sie in einen großen Raum. In seiner Mitte steht auf dem Feuer ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Rundherum sitzen Leute mit langen Löffeln, alle stochern in dem Topf, aber sie sehen blass aus, mager und elend.  So sehr sie sich auch bemühen, die Stiele der Löffel sind zu lang. Sie können das herrliche Essen nicht in den Mund bringen. „Was für ein seltsamer Ort“, sagt die Frau. „Das“, antwortet Gott, „ist die Hölle.“ Sie gehen in einen zweiten Raum, der genauso aussieht wie der erste. Auch hier brennt ein Feuer, und darüber kocht ein köstliches Essen. Leute sitzen rundherum, auch sie haben Löffel mit langen Stielen, aber sie sind alle gut genährt, lachen und scherzen. Einer gibt dem anderen mit seinem langen Löffel zu essen. „Und dies“, sagt Gott, „ist der Himmel.“

 

*Quelle: „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“. Alleinvertrieb: Andere  Zeiten, Hamburg, 2007. S. 11

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