Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Dies ist eine Sendung gegen die Angst. Denn Angst kann man schon haben in Zeiten wie diesen. Tägliche, ja stündliche Meldungen über bedrohliche Zustände. Immer drastischere Maßnahmen werden ergriffen, damit Schlimmeres verhindert wird. Und dazu ist alles noch so abstrakt. All die Schreckensszenarien in den Medien und all die von der Politik verordneten Einschränkungen stehen im Kontrast zu meinem Lebensumfeld. Wo noch nichts zu sehen und zu spüren ist vom gefürchteten Virus. Noch nicht zu sehen und zu spüren. Denn die Medienberichte zeigen ja, wie schnell sich das ändern kann und dass wir genau deswegen jetzt ganz konsequent sein müssen. Aber das mit kühlem Kopf und heißem Herzen. Und das so weit wie eben möglich ohne zu viel Angst. Denn so sinnvoll Angst als Warnsignal und Schutz auch ist, zu viel Angst quält und lähmt nur. Vorsicht und Sorgfalt, ja. Panik und Zwanghaftigkeit, nein. Ruhe und Zuversicht, ja. Hektik und Schwarzseherei, nein. Aufmerksamkeit und Fürsorge, ja. Aber Dauerbeschäftigung mit dem Virus und Hamsterkäufe, nein. Denn es gibt auch ein Leben ohne Corona. Und es wird auch eines danach geben. Zu viel Angst führt nur zu einer Angst vor der Angst. Und die hilft nichts und niemandem. Sie führt höchstens zu einer unterschwelligen Lebensangst, die die Lebenskraft und Lebensfreude nimmt.

Zu dieser Angst vor der Angst gibt es einen so schönen wie wohltuenden Text. Er ist von der Dichterin Mascha Kaléko.* Sie muss diese Ängste wohl auch gut gekannt haben. Und mit ihrem Text, will sie dazu ermutigen, sie zu verscheuchen und sich nicht zu viel zu ängstigen. 

Jage die Ängste fort“, beginnt dieser Text,
und die Angst vor den Ängsten. Für ein paar Jahre wird wohl alles noch reichen, das Brot im Kasten und der Anzug im Schrank. Sage nicht mein, es ist dir alles geliehen, lebe auf Zeit und sieh’ wie wenig du brauchst. Richte dich ein und halte den Koffer bereit. Es ist wahr, was sie sagen, was kommen muss, kommt. Geh’ dem Leid nicht entgegen. Und ist es da, sieh’ ihm still ins Gesicht. Es ist vergänglich wie Glück …

Zerreiß deine Pläne. Sei klug und halte dich an Wunder. Sie sind lang schon verzeichnet im großen Plan. Jage die Ängste fort und die Angst vor den Ängsten.

 

*Quelle: Mascha Kaléko, Die paar leuchtenden Jahre, dtv, München, 2003, „Rezept“, S.27.

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