Manuskripte

SWR3 Gedanken

Reliunterricht in der vierten Klasse. Auf dem Boden liegen viele verschiedene Fotos. Auf dem einen ist ein aufgerolltes Seil auf einem Steg zu sehen. Auf einem anderen eine Feder, die im Wind schwebt und auf dem nächsten ein altes hellblaues Fahrrad, das an einer Backsteinmauer lehnt, und und und…

Aufgabe für die Schülerinnen und Schüler: „Wenn euch jemand einen Fehler verzeiht, dann ist das wie…?“ Sucht doch bitte ein Bild aus!

Die Kinder rennen los und schnappen sich ein Foto. Tom hat sich das Bild mit dem Fahrrad rausgesucht. Als er dran ist, seine Auswahl zu erklären, ist es gar nicht so einfach, aber ich lasse nicht locker: Nach mehreren „Ich weiß auch nicht…“ und „So halt…“ sagt er dann: „Naja, das Fahrrad an der Wand, das steht da ja so friedlich und wenn mir jemand einen Fehler verzeiht, dann ist das auch friedlich.“

Christoph prustet los: „So ein Quatsch!“ Tom ist beleidigt und hält dagegen: „Ich find das aber so!“ Christoph merkt, dass die anderen still sind. Anscheinend versuchen sie, Toms Gedanken nachzuvollziehen. Dann sagt Lena: „Ich mag nicht Fahrrad fahren, deshalb hätte ich mir dieses Bild nie ausgewählt. Ich finde ja die Feder hier friedlich, aber ich kann Tom verstehen.“

Manche Sachen kann man wohl nicht letztgültig klären. Vor allem Gedanken und Gefühle sind unterschiedlich. Der eine findet ein Fahrrad, das einer Hauswand lehnt, strahlt Frieden aus. Die andere findet, die Feder im Wind wirkt besonders leicht. Und beides kann für Verzeihen stehen. Kommt man aber erst drauf, wenn man wirklich miteinander spricht. Wenn alle einander zuhören und niemand meint, es gibt nur „richtig“ oder „falsch“. Das gibt es nämlich selten. Wie schön, wenn Kinder wie Lena das frühzeitig spüren.

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