Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

19MRZ2020
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Manchmal finde ich meine Religion verrückt. Verrückt im wahrsten Sinn des Wortes. Immer wieder haben Christen im Namen ihrer Religion Ideale entwickelt, die die Botschaft Jesu verstellt haben und die man dringend wieder zurechtrücken muss. Zum Beispiel, wenn es um das Bild der Familie geht. Jahrhundertelang haben Christen so getan, als ob die biologische Konstellation aus Vater, Mutter und Kindern die einzig richtige ist. Dabei war das doch zu allen Zeiten schwierig. In früheren Zeiten haben Krankheiten und Kriege dieses Familienmuster oft zerstört: Der Vater im Krieg gefallen, die Mutter bei der Geburt eines ihrer Kinder gestorben. Heute leben wir länger und selbstbestimmter und machen viel mehr Veränderungen durch: beruflich, der Ort, an dem wir leben, das, was mir im Lauf des Lebens wichtig ist: Alles ist im Fluss.

Das verändert auch die Art, wie wir heute Beziehungen gestalten und Familie leben. Es kommt weniger darauf an, wer die Kinder gezeugt oder geboren hat. Es geht eher darum, wer die Verantwortung für die Kinder übernimmt. Und so gibt es eben nicht mehr das eine Familienbild, sondern viele mögliche Konstellationen: Wenn zum Beispiel ein Elternteil mit den Kindern alleine lebt oder wenn sich neu zusammengesetzte Familien ergeben. Wenn dabei die Verantwortung für die Partner und die Kinder gewährleistet ist, sehe ich nicht, wieso das schlecht sein sollte. Ich finde nur wichtig, dass die Kinder immer wissen, dass sie eine Bezugsperson haben, die zuverlässig für sie sorgt. Und dass jeder in der Familie weiß, dass er sich auf den anderen verlassen kann.

Das kann ich auch als Christ genau so vertreten. So wie die Bibel es beschreibt, wird Jesus in einer Familie groß, die auch nicht diesem Ideal entspricht, von dem man immer so getan hat, als ob es das einzige wahre Christliche sei. Josef wird in der Bibel ja ausdrücklich als biologischer Vater ausgeschlossen, aber er übernimmt trotzdem zuverlässig und liebevoll die Rolle des sozialen Vaters für Jesus. Und das macht er offensichtlich so gut, dass Jesus sich als Erwachsener Gott in erster Linie als einen Vater vorstellt, der barmherzig und liebevoll ist. Anders als in den heutigen TV-Shows und in den Gerichtssälen braucht es hier keinen Vaterschaftstest. Der Test für Josef als Vater Jesu wird zu hundert Prozent durch seine Liebe für seinen Sohn bestätigt. Solche Väter und Mütter, die zuverlässig für ihr Kind da sind, das ist für mich der Ursprung einer christlichen Familie. Ich habe Respekt vor den Menschen, die ihre Familie darauf aufbauen, dass jeder für den anderen zuverlässig da ist. Egal, was andere denken.

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