Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Nähe. Dieses Wort begegnet mir häufig. Ich kenne Menschen, die sagen, dass sie Nähe suchen und vermissen. Andere sagen dagegen, dass ihnen zu viel Nähe unheimlich ist. Doch Menschen, die Nähe zulassen, die andere in ihre Nähe lassen, werden von vielen als sehr wohltuend empfunden. Als sehr menschlich.

Wie ist das mit Gott? Ist Gott in meiner Nähe? Oder ist er fern? Lässt Gott mich in seine Nähe – lasse ich Gott in meine Nähe? Und ist das etwas Gutes: Gottes Nähe? Was bewirkt sie?

Es gibt ein neues Lied über die Nähe Gottes. Es berührt mich sehr und ich möchte es Ihnen heute Morgen vorstellen:

Musik

Der Kölner Komponist Timo Böcking hat die Musik und den Text dieses Liedes geschrieben. Es erschien erstmals 2017 im Kirchentagsliederbuch freiTöne und war dann das Segenslied im Schlussgottesdienst des Kirchentags 2019 in Dortmund, bei dem der Komponist die musikalische Gesamtleitung hatte.

Böcking selbst bezeichnet die folgenden Worte als Schlüsselzeile seines Liedes: "Halt uns fest an deiner Hand, auf unserem Weg in neues Land.“ Er sagt dazu: „Bei Lebensumbrüchen, -einbrüchen und -aufbrüchen geht Gott mit uns und hält uns fest in seiner Hand.“

Das ist Gottes Nähe. Wenn ich voller Zweifel in die Zukunft schaue, dann darf ich mich darauf verlassen, dass Gott bei mir ist. Dass er mit mir geht. Diese Zuversicht schenkt mir der Glaube an Gottes Nähe. So kann ich aufbrechen, so kann ich auch neue Wege versuchen.

Doch was ist, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere? Timo Böcking nennt das „Lebenseinbrüche“. Was ist, wenn der sichere Boden meines Lebens einbricht wie Eis auf einem See?

„Geh mit uns in dunkler Nacht“, bittet die zweite Strophe des Liedes, „steh uns bei mit deiner Macht.“

Musik

„Zeig uns den Weg, sei unser Licht.“ Ein Leuchtfeuer, mit dem Gott mir die Richtung weist. Sein Licht zeigt mir den Weg zum Ziel. Besonders dann, wenn der nicht klar zu erkennen oder voller Gefahren ist. Ich schaue auf dieses Licht und merke, wie Zuversicht und Vertrauen in mir wachsen.

So ein Ziel am Ende des Weges hilft. Aber es hilft umso mehr, wenn es noch etwas weiter entfernt ist. Wenn mein Weg davon bestimmt wird und ich mit diesem Ziel vor Augen aushalten kann. Ich bin noch nicht dort – aber ich werde dorthin kommen. Jetzt ist mein Ziel fern, aber einmal wird es mir nahe sein.

Diese Strophe sagt mir: Glaube ist nicht einfach nur etwas Sanft-Kuscheliges, in dem sich alle Ängste und Zweifel auflösen. Glaube kann schwer sein. Er kann durch kalte und dunkle Erfahrungen führen. Gerade dann braucht er das Licht am Ende des Weges. Und die Erfahrung, dass es Nähe gibt. Nähe, wie ich sie nicht unbedingt immer unter Menschen erfahren kann – dort, wo Nähe auch bedrängen und verletzen kann. Doch am Anfang und Ende des Liedes steht die Nähe Gottes. Sie gibt mir Kraft. Ich muss mich nicht ängstlich und misstrauisch in mich selbst zurückziehen. Ich kann mich öffnen: für das Leben, für neue Erfahrungen, vielleicht auch wieder für andere Menschen, wenn ich das nicht mehr konnte oder wollte.

„Was uns auf dem Herzen liegt, was uns quält und uns bewegt: niemals lässt du uns allein.“

Musik

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Lass uns deine Nähe spür’n (Timo Böcking)
Text und Musik: Timo Böcking
Solistenensemble um Timo Böcking und Martin Buchholz
CD „Herz + Mund 1. Neue Lieder für Gottesdienste“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30469