Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Irene ist unzufrieden. Und das schon seit vielen Jahren. Das Leben hat sie sich eigentlich anders vorgestellt. Irgendwie schöner und erfüllter. Stattdessen musste sie zusehen, wie andere das bekommen, was sie sich gewünscht hätte. Heute ist sie über achtzig und gefühlt war es immer sie, die zurückgesteckt und anderen den Vortritt gelassen hat. Die wenigen, die noch etwas mit ihr zu tun haben, bekommen das zu spüren. Egal ob es die Pflegerin aus Polen ist oder der Neffe, der mit seiner Familie täglich nach ihr schaut.

Irene erinnert mich ganz oft an die biblische Geschichte von einem Mann, der seit 38 Jahren gelähmt ist. Am Teich Betesda vor den Toren Jerusalems wartet er darauf, dass er geheilt wird. Jeden Tag hofft er, dass ihn jemand zu dem Wasser trägt, das ihn gesundmacht. Aber irgendjemand ist immer schneller und ihm bleibt nur, anzusehen, wie es anderen Menschen wieder bessergeht. Wie sie zu Kräften kommen und wieder gehen können. Bei ihm dagegen geht nichts. Er hat keine Hoffnung mehr und das lässt er seine Umgebung wissen.

Auf diesen Mann kommt Jesus zu und fragt ihn: „Willst du gesund werden?“ (Joh 5, 6) Was für eine Frage. Mir ist klar: Natürlich will der Mann gesund werden. So, wie jeder gesund werden will. Aber der Mann reagiert anders und sagt zu Jesus: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich (…) trägt.“ (Joh 5, 7)

Der Mann aus der Bibel und die alte Frau – beide haben es schwer und ich kann nachvollziehen, dass sie enttäuscht und hoffnungslos sind. Aber beide haben sich auch in ihrer Situation und ihrem Schmerz eingerichtet und können gar nicht mehr sehen, dass es auch Gutes gibt. Und deshalb fragt Jesus nach: „Willst du gesund werden?“ Willst Du wirklich, dass sich etwas in deinem Leben ändert? Und dann erst sagt Jesus: „Steh auf, nimm deine Liege und geh!“ (Joh 5,8)

Ich finde es großartig, wie viel diese Begegnung zwischen Jesus und dem Mann verändert. Jesus gelingt es, dass der Mann aufstehen und damit seinen Standpunkt verlassen kann. Dass er seinen Blick von der eigenen Situation lösen kann und in Jesus jemanden entdeckt, der wohl gesonnen ist und ein anderes Leben möglich machen kann.

Die Geschichte macht mir Mut und sagt mir: Steh auf! Warte nicht darauf, dass dich jemand trägt. Sondern sieh, was möglich ist und wer um Dich herum ist.

Gott traut dir die Veränderung zu und gibt dir die nötige Kraft loszugehen.

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