Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

12FEB2020
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Ich habe keine Kinder. Vielleicht ändert sich das noch. Vielleicht aber auch nicht.

Mit Kindern bin ich trotzdem häufig zusammen – als Pastoralreferentin habe ich im Religionsunterricht, im Kindergarten der Kirchengemeinde oder in der Jugendarbeit regelmäßig mit ihnen zu tun. Und auch in meinem Freundeskreis gibt es mittlerweile einige Kinder. Es tut mir gut, mit ihnen Zeit zu verbringen und ich weiß dadurch auch, dass es mit Kindern nicht nur die schönen, sondern auch die herausfordernden Zeiten gibt.

Und doch wünsche ich mir manchmal eigene Kinder. Dass ich mich danach sehne, macht mich aufmerksam für andere, die darunter leiden keine Kinder zu haben oder bekommen zu können. Man entwickelt da irgendwie so ein Gespür dafür.

Sie erzählen mir, wie weh es tut, dass sie kinderlos geblieben sind. Wie sie an manchen Tagen enttäuscht, an anderen wütend und manchmal auch einfach nur traurig sind.

Sie erzählen aber auch davon, wie sie gelernt haben, damit umzugehen. Das ging oft nicht von heute auf morgen. Dazu kommt, dass das bei manchen die Beziehung stark auf die Probe gestellt hat. Nicht alle haben es geschafft zusammenzubleiben.

Aber irgendwann haben sie, jeder auf seine Weise, eine Idee davon bekommen, was sie in ihrem Leben außer ihrem Wunsch nach Kindern trägt. Sie haben ihr Leben anders ausgerichtet und neue Aufgaben entdeckt:

Die einen kümmern sich mit ganzer Kraft um ein junges Flüchtlingspaar: sei es beim Vokabel-lernen für den Deutschtest, Handyvertrag abschließen, bei der Wohnungssuche oder dem Führerschein. Ein anderes Paar hat ohne zu zögern einen jungen Mann aus dem Bekanntenkreis bei sich einziehen lassen, der in der Studentenstadt kein bezahlbares Zimmer gefunden hat. Jetzt wohnen sie zusammen in einer Art WG und das bereichert beide Seiten.

Ich habe selbst schon erleben dürfen, dass das Leben auch ohne eigene Kinder fruchtbar für andere sein kann. Und ich verdanke einigen kinderlosen Frauen sehr viel. Sie haben mich unterstützt und gefördert – sei es in meinem privaten Umfeld oder beruflich als Kolleginnen, die mir etwas zugetraut und an mich geglaubt haben.

Ich bin aber nicht nur für die Unterstützung dankbar, sondern vor allem dafür, dass sie – vermutlich ohne es selbst zu wissen – mir vorgelebt haben, dass erfülltes Leben nicht davon abhängig ist, ob ich selbst Kinder habe. Sondern davon, dass ich lerne zu vertrauen, dass es einen Platz in dieser Welt gibt, den nur ich ausfüllen kann.

Ich weiß nicht, was die nächsten Jahre in meinem Leben sein wird und inwiefern Kinder darin eine Rolle spielen. Aber ich weiß, dass ich meinen Platz habe und immer wieder finden werde. Und dass dieser Platz so oder so mit Leben erfüllt ist.

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