Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Wie nähert man sich Fremden? Noch dazu, wenn sie nicht mehr leben.
Vor 250 Jahren sind 2 große Fremde geboren. Ludwig van Beethoven und Friedrich Hölderlin. An beiden ist etwas, das mich sehr anzieht. Solche Fremden kann man nicht unbedacht lassen, finde ich.Beide faszinieren. Beider Leben sind geprägt von tiefen Rissen.

Beethoven: als Musiker den Hörsinn zu verlieren und dann solch unerhörte Musik zu schreiben.Hölderlin: Der Dichter und hellsichtige Geist. Es gab für ihnen keinen Platz bei den Menschen, an dem er ankommen konnte und leben. Sein Geist hat ihn verlassen. Anscheinend. Obwohl, wenn man liest, mit welchen Methoden man Hölderlin „psychiatrisch“ behandelt hat. Da kann man auch auf die Idee kommen. Man hat ihn auch um seinen Geist gebracht.

Wie nähert man sich solch faszinierenden Fremden?
Das Gute an Beethoven ist, man kann hören, immer wieder hören. Wenn man dabei erlebt, wie unerhört diese Musik ist, dann kommt man ihm näher und achtet zugleich seine Fremdheit. Ohne ihn zu vereinnahmen.

Ich nehme seine Musik - nicht nur seine geistliche, diese aber auch - als Gottesgeschenk. Dass jemand, der nicht hört, solche Musik zu geben vermag.

Hölderlin ist vermutlich fremder als Beethoven. Mir auf jeden Fall. Ich weiß recht wenig von ihm. Und vieles an seinem – auch tragischen Leben – bleibt Geheimnis. Ihm muss man vielleicht noch behutsamer näherkommen. Staunender.

Ich bin einigen Worten Hölderlins vor kurzem in einer Kirche begegnet.
Hinter dem Altar erhebt sich dort hoch zur Orgel eine Stufenanlage. In die Stufen sind mehrere Zeilen aus Hölderlins Gedicht „Friedensfeier“ eingeschrieben. Da steht zB.

„und nur der Liebe Gesetz / gilt von hier an bis zum Himmel...“
Was für eine Hoffnung, bis heute ist sie unerfüllt. Aber ist das ein Grund, diese Hoffnung aufzugeben? Die Hoffnung auf eine Welt, in der Liebe das Leben bestimmt. Noch mehr haben mich diese Worte angesprochen:

„Viel hat von morgen an erfahren der Mensch /
bald aber sind wir Gesang“.

Ja, es sammelt sich vieles an im Leben. Manchmal kann einem ein älter gewordenes Leben erscheinen, als hätte man vor allem Narben und Verletzungen erfahren. Wenn Menschen in diese Welt kommen, sind sie frisch und unverletzt. Aber das gibt sich. Hölderlin hat diese Bewegung des Lebens nur zu gut gekannt.

Umso erstaunlicher, was für ein helles „Aber“ er dagegenstellt. „Bald aber sind wir Gesang“. Wie nähert man sich diesem Fremden? Ich höre ihm begierig zu. Dass er wagt, und wie, auf Erlösung zu hoffen.

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