Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Ein Kollege hat mir erzählt, dass ihn die Heftigkeit seiner Trauer irritiert hat.
Sein Vater ist vor 1/2 Jahr gestorben. Der Tod war nicht zu früh. Sie hatten gewusst, dass es bald so weit sein würde, hat mein Kollege erzählt. Insofern war der Tod auch gut. Auch wie er gestorben ist, war nicht erschütternd. Trotzdem war er es.

Erschüttert hat ihn die Einsicht: ‚jetzt bin ich endgültig verwaist.‘ Sein Vater war der letzte aus der elterlichen Generation, der gestorben ist. „Jetzt ist keiner und keine mehr da über mir. Und das ist unausweichlich und unumkehrbar.“

Ins Bewusstsein gebracht hat ihm das die Traueransprache.
„Ich werde Euch nicht als Waisen zurücklassen,“ hatte die Pfarrerin aus der Bibel gewählt. Gedacht als Trost und um Perspektive zu geben, Für den Kollegen hat es aber viel mehr zur Sprache gebracht, was ist. Mit ihm. Heute denkt er, dass das wichtig war. „Vielleicht habe ich dieses Wort gebraucht, um meinen Trauerschmerz anzuerkennen. Vorher hatte ich das Gefühl, ich muss ihn eindämmen.“

Soweit die Trauererfahrung des Kollegen. Ich bin ihm dankbar für seine Klarheit. Welche Bedeutung dieser Einschnitt hat, den fast jeder erlebt. Besonders viele zwischen 50 und 70. Man ist selbst erwachsen, hat vielleicht Kinder und Enkel, war aber auch immer noch „Kind“. Irgendwie „familiär überdacht.“
Aber wenn der oder die letzte aus der Elterngeneration stirbt, dann ist man plötzlich verwaist. Und wem das widerfährt, wird erschüttert und bedarf des Trostes.

Wie kann man so einer Waise begegnen?
„Ich werde Euch nicht als Waise zurücklassen.“ Dieses Wort aus der Traueransprache ist ja in der Bibel ein Versprechen Jesu. Aber man könnte es auch für sich nehmen, wie man einem Trauernden begegnet. „Nicht zurücklassen, wenn jemand verwaist ist.“ In der Nähe bleiben. Dabei nicht überspielen, wenn der andere „sich verwaist“ fühlt. Vielmehr damit rechnen und davon ausgehen, dass ihm oder ihr so ist, selbst wenn sie oder er nicht davon redet. Ich könnte mir vorstellen, dass jemand, der sich verwaist vorfindet, Freundschaft gut brauchen kann. Freundliche Worte oder Schweigen, Gesten, die der Seele gut tun.

Vor wenigen Tagen hat mir der Kollege erzählt, dass ihm der Satz aus der Trauerfeier immer mal wieder einfällt: „Ich werde Euch nicht als Waisen zurücklassen.“ Inzwischen findet er auch Tröstliches darin. ZB. den Gedanken. Da ist ja auch noch Gott, als Vater im Himmel. Damit kann er heute wieder mehr anfangen als früher. Und, hat er erzählt, das innere Gespräch mit seinem verstorbenen Vater ist auch lebendig.

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