Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Was bringt mich eigentlich dazu, gut zu handeln – so, dass es auch für andere hilfreich ist? Welchen Anteil haben äußere Regeln und Sanktionen – und wie viel Motivation muss von innen herauskommen?

Die Frage ist auch oft Thema, wenn es um die Grundlagen reformatorischer Theologie geht. Die Reformatoren haben mit Paulus betont, dass der Mensch vor Gott nicht nach seinen Werken beurteilt wird, sondern der Glaube ihn gerecht macht. Das ruft Widerspruch hervor: Das funktioniert doch nicht! Warum sollte sich einer dann noch anstrengen – so fragen besonders Jugendliche oft. Ähnliche Kritik wurde

Ein wahrer Glaube, Choralbearbeitung für Orgel

Das könnte der Grund gewesen sein, warum der protestantische Kantor und Lehrer Nikolaus Herman im Jahr 1560 für seine Schüler im böhmischen Sankt Joachimsthal ein Lied gedichtet hat, das den Zusammenhang zwischen Glaube und Liebe ganz deutlich machen soll:

Ein wahrer Glaube Gotts Zorn stillt, daraus ein schönes Brünnlein quillt,
die brüderliche Lieb genannt, daran ein Christ recht wird erkannt.

Christus sie selbst das Zeichen nennt, daran man seine Jünger kennt;
in niemands Herz man sehen kann, an Werken wird erkannt ein Mann.

Glaubt bloß nicht, so will der Lehrer seinen Schülern sagen, uns Protestanten sei es nicht ernst mit dem guten Leben. Allerdings ist die Reihenfolge entscheidend: Zuerst kommt Gottes Liebe. Wer an seine Liebe glaubt und auf seine Vergebung vertraut, der wird dadurch verändert. Und zwar so, dass sich auch das Verhalten ändert. Aus der Erfahrung von Gottes Liebe fließt, wie aus einem Brunnen, die Liebe zu anderen Menschen – und aus dieser Liebe heraus sind wir fähig, Gutes zu tun.

Mir leuchtet diese Reihenfolge ein. Und vielleicht war es nicht zufällig ein Pädagoge, der die Liedverse über den Zusammenhang zwischen der Liebe Gottes und der geschwisterlichen Liebe untereinander gedichtet hat. Vielleicht hat Nikolaus Herman – aller schwarzen Pädagogik seiner Zeit zum Trotz – auch in der Schule erlebt: Freundlichkeit und Lob motivieren seine Schüler weit mehr zu gutem Verhalten als Angst vor harten Strafen. Nur wer Liebe empfängt, kann Liebe geben.

Das gilt erst recht für die Liebe, von der das Hohe Lied der Liebe im ersten Korintherbrief der Bibel spricht. Herman fasst in seinem Lied die Quintessenz der bekannten Bibelstelle in einfachen Worten zusammen:

Ein wahrer Glaube, Choralbearbeitung für Orgel

Die Lieb ist freundlich, langmütig, sie eifert nicht noch bläht sie sich,
sie glaubt, hofft, verträgt alls mit Geduld, verzeiht gutwillig alle Schuld.

Sie wird nicht müd, fährt immer fort, kein‘ sauren Blick, kein bitter Wort
gibt sie. Was man sag oder sing, zum Besten deut‘ sie alle Ding.

So ein Verhalten kann man nicht vorschreiben oder einfordern – das wäre weder möglich noch gesund. Es muss von innen kommen – und ist nur aus Liebe möglich. Erst recht die Feindesliebe, die von Jesus in der Bergpredigt gefordert wird – auch diese Bibelverse hat Herman eingängig nachgedichtet:

Wie Gott lässt scheinen sein Sonn und regnen über Bös und Fromm,
so solln wir nicht allein dem Freund dienen, sondern auch unserm Feind.

Lobt Gott, den Herrn der Herrlichkeit. Choral für Orgel solo, Gárdonyi, Zsolt

Die Kraft dazu, da bin ich mit Herman einig, kann man nicht aus sich selbst schöpfen, sondern nur erbitten. So wie es Herman in der letzten Strophe seines Liedes tut:

O Herr Christ, deck zu unsre Sünd und solche Lieb in uns anzünd,
dass wir mit Lust dem Nächsten tun, wie du uns tust, o Gottes Sohn.

Was geschieht, wenn das wahr wird, kann man Gott sei Dank auch bei uns an vielen Orten sehen – in den Asylkreisen oder bei den Vorlesepaten im Kindergarten, bei den Sitzwachen der Hospizdienste oder ganz aktuell in den vielen Vesperkirche im Land. Ich finde das immer wieder beeindruckend.

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