Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Aufdringlichkeit ist offenbar eine religiöse Tugend. Den Eindruck habe ich, wenn ich in die Bibel schaue. Da wimmelt es von Menschen, die keine Ruhe geben und Gott geradezu lästig fallen, mit ihren Bedürfnissen und Wünschen: Blinde schreien hinter Jesus her und verfolgen ihn, bis er sich ihnen endlich zuwendet. Aussätzige rücken ihm auf die Pelle, Kranke packen ihn am Gewand. Und was macht Jesus? Er heilt sie nicht nur alle, er bestärkt die Menschen auch noch in ihrer Aufdringlichkeit. Als Beispiel nennt er eine rechtlose, arme Witwe. Die nervt einen gefühllosen und gleichgültigen Richter so lange, bis der aufgibt und für sie Recht spricht. So wie diese Witwe sollt ihr eurem Gott auf die Nerven gehen, sagt Jesus. Denn wenn schon der ungerechte Richter am Ende auf die Witwe hört, um wie viel mehr Gott, der euch liebt.

Doch heute sieht das anders aus. Die Christen von heute lassen ihren Gott in Ruhe, meint der Fernsehjournalist Joachim Jauer. Selbst die Hirten drängen sich Gott nicht auf, sagt der Journalist, sie kümmern sich lieber um die Ausrüstung des schwankenden Kirchenschiffs. Man kann das als vornehme Zurückhaltung werten.

Ich halte diese Zurückhaltung für falsch. Sicher, es gibt Aufdringlichkeit, die ist einfach nur frech und peinlich. Doch die Menschen in der Bibel drängen sich auf, weil sie ein dringendes Anliegen haben. Sie sind blind, krank und elend. Zugleich glauben sie, dass Veränderung möglich ist. Und sie haben ein unbändiges Vertrauen, dass Gott wirklich helfen kann. Deshalb sind sie aufdringlich. „Schaffe mir Recht!“, fordert die arme Witwe vom Richter und lässt nicht nach. Weder Macht noch Rang des Richters beeindrucken sie. So sollen auch wir uns nicht abhalten lassen von der Größe und Majestät Gottes, sondern ihn regelrecht angehen, meint Jesus.

Ich bin sehr für solche biblische Aufdringlichkeit.  Die Menschen in der Bibel haben den Ernst ihrer Lage erkannt. Zugleich halten sie Veränderung für möglich. Und setzen ihr ganzes Vertrauen auf Gott. Sie lassen sich nicht beirren und nicht abwimmeln, sondern bleiben dran und drängen sich auf. Und werden belohnt für ihre Aufdringlichkeit. Ich wünsche mir, dass das auch heute noch gelingt, wenn wir uns mit dringenden Anliegen Gott aufdrängen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30300