Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ein Gottesdienst hat meinen Blick auf transsexuelle Menschen verändert - also auf Menschen, die ein anderes Geschlecht leben wollen als ihr Körper ihnen vorgibt. Dabei haben mich nicht ein Gebet oder die Predigt beeinflusst, sondern die Frau, die vor mir in der Bank saß.

Die hatte nämlich einen Din-A-4 großen Aufnäher auf ihrem Rücken mit dem Text: Transfrau – was dagegen?

Ich habe mich über diesen Satz geärgert, habe mich provoziert gefühlt. Soll die Frau doch ihre Sexualität leben wie sie will - aber was hat eine solche Provokation in der Kirche zu suchen? Ich gehe ja auch nicht mit meiner Sexualität hausieren.

Doch im Gottesdienst gehen meine Gedanken manchmal eigene Wege. Ich habe mich an einen Brief des heiligen Paulus erinnert, in dem er schrieb: Unter Christen zählen Unterschiede nicht mehr. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid „einer“ in Christus Jesus (Gal 3,28). Wenn es aber unter Christen keinen Unterschied macht, ob man Mann oder Frau ist,  wenn sogar der Sklave dem Freien gleichgestellt ist, dann kann es doch auch keinen Unterschied mehr machen, welche sexuelle Orientierung oder Identität ich habe. Denn wir sind alle einer in Christus.

Der Satz auf dem Rücken der Frau erscheint mir jetzt in einem anderen Licht. Ja, das ist eine Provokation, und geschmackvoll ist es sicher nicht. Aber vielleicht ist es eine notwendige Provokation. Gerade in der Kirche. Denn christliche Moral bildet sich ja leicht ein, auch in der Sexualität alles besser zu wissen und worauf es beim Unterschied zwischen den Geschlechtern ankommt. Aber diese Unterschiede stehen für Paulus nicht im Vordergrund, nicht unter Christinnen und Christen.

Das erklärt nicht alles und ist keine direkte Handlungsanweisung. Und natürlich gibt es Unterschiede, mit denen wir angemessen umgehen müssen. Doch vorallen Unterschieden sollte mindestens unter Christen klar sein: Es kommt nicht so sehr auf die Unterschiede an, sondern zu aller erstauf die Einheit, die uns alle verbindet. Deshalb ist es richtig, wenn die Frau in der Kirchefragt: Transfrau – was dagegen? Nein. Denn wir sind alle eins in Christus.

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