Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Manchmal scheint das Leben unfair. Ja, ungerecht. Zum Bespiel, wenn mitten in das Leben hinein eine Krebsdiagnose kommt. Warum ich? Wieso meine Freundin, die immer ein anständiges Leben geführt hat und für andere da war? Wieso der Vater, der so dringend in seiner Familie gebraucht wird. Warum?

Ich glaube, auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Es gibt kein Warum. Ja, vielleicht schlechte Lebensgewohnheiten. Aber nicht jeder Raucher erkrankt an Krebs und nicht jeder, der an Lungenkrebs erkrankt, hat vorher geraucht.

Ich meine deshalb: Eine Krebserkrankung ist keine Bestrafung für irgendetwas, was im Leben passiert ist. Sie ist vor allen Dingen keine Strafe von Gott. Ich glaube fest, dass Gott bei einer Erkrankung mit uns leidet. Er steht an unserer Seite und kämpft mit uns. Ich glaube das, weil Jesus ganz gezielt zu Kranken gegangen ist, um ihnen beizustehen – die Bibel erzählt immer wieder davon: Zu einem epileptischen Jungen ist Jesus gegangen, zu einem Mann mit Hautausschlägen, zu einem Mann, der Gicht hatte und große Schmerzen und noch zu vielen anderen.

Damit hat Jesus den Menschen gezeigt: Diese Krankheiten sind keine Strafe von meinem Vater. Im Gegenteil: Gott kann helfen, mit einer Krankheit umzugehen. Er ermutigt uns, ohne Ängste aufeinander zuzugehen. Natürlich ist es schwer, einen Menschen zu besuchen, der mit dem Leben ringt. Sich seinen Fragen zu stellen. Zu sehen wie die Krankheit an ihm zerrt. Aber mit meinem Besuch kann ich zeigen, dass ich auch dann für den anderen da bin, wenn das Leben schwer ist. Dass ich bereit bin, den Schmerz mit dem Erkrankten auszuhalten und ihn gemeinsam zu tragen. Dafür braucht es manchmal gar keine großen Worte. Es genügt, einfach da zu sein. Oder im Gebet die Sorge oder eigene Sprachlosigkeit vor Gott zu bringen.

Mich hat es sehr berührt als eine vom Krebs gezeichnete Frau mir gesagt hat: „Durch den Krebs habe ich erfahren, wie viele Menschen um mich herum sind, die für mich da sind. Sie beten für mich. Das ist nicht selbstverständlich. Für diese Erfahrung bin ich so dankbar. Damit gehe ich ganz anders aus der Welt“.

Ich wünsche ihr und Ihnen und mir, dass wir das eines Tages auch können.

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