Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

13FEB2020
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Wenn ich eine kleine Pause oder einen Moment der Ruhe brauche, gehe ich gerne einmal in eine Kirche. Die bei uns vor Ort, aber auch unterwegs. Mir tut das gut. Kirchen sprechen für mich eine eigene Sprache. Sie erzählen etwas von dem Ort, an dem sie stehen. Von den Menschen, die sie gebaut haben. Ganz gleich, ob es ganz alte oder eher neue Gebäude sind.

Unsere Kirche in Walldorf ist zum Beispiel sehr groß, im Grunde genommen zu groß für den Ort. Sie ist rund 160 Jahre alt. Ihre Besonderheit sind ihre vielen Fenster. Wenn die Sonne scheint, ist der Kirchraum ganz und gar lichtdurchflutet. Das ist einfach schön und es erinnert mich an das Jesuswort: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben!“ Wie viele Menschen vor mir mögen wohl an diesem Ort sich nach Licht für ihr Leben gesehnt haben? Wie viele Sorgen und Ängste haben sie wohl hier vor Gott getragen. Ich glaube, dass die Kirche in unserem Ort so schön licht und hell ist, weil das Leben in unserer Gegend ungeheuer hart war. Der Alltag war geprägt von anstrengender körperlicher Arbeit in der Landwirtschaft, da musste jeder von Klein auf mit zupacken. In der Kirche am Sonntag wollten sich die Leute aufgehoben und geborgen fühlen. Hier haben sie die Hoffnung geschöpft, dass es mehr gibt als das harte Leben hier auf Erden.

In einer anderen Kirche habe ich vor Kurzem ein wundervolles Deckengewölbe gesehen. Es war kunstvoll mit Blumenranken bemalt. Herrlich anzusehen mit detailgetreuen blauen, roten und rosafarbenen Blüten. Ich habe darin für mich den Himmel entdeckt, der einem Paradiesgarten voller herrlicher Blumen gleicht. Bei dem Anblick kam mir in den Sinn: „Im Himmel, bei Gott ist alles gut. Da hebt sich alles auf. Da ist das Leid zu Ende. Also muss man vor dem Tod keine Angst haben.“ Und so geht es mir manches Mal. Ganz gleich ob es eine kleine Dorfkirche ist oder ein bekanntes Gotteshaus in einer der Metropolen dieser Welt. Ohne Kunstführer, ohne große Theologie - ein Kirchengebäude spricht einfach für sich. Und offensichtlich lasse ich mich auch vom Gebäude ansprechen. Es kommt etwas in mir zum Schwingen, was mir einen neuen Impuls gibt.

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