Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Meine liebste Tischdecke musste in die Reinigung. Das schöne blau-weiße Muster hatte in den vergangenen Wochen ordentliche Flecken bekommen. Rote Marmeladenklekse, gelbe Currytupfer und irgendetwas Oranges. Da haben selbst die Flecken-Tipps meiner Mutter nicht mehr geholfen. Der Chef in der Reinigung hat die Decke mit Falten in der Stirn angeguckt, als ich sie bei ihm abgegeben habe. „Mal sehen, ob das was wird.“ hat er gesagt. Naja, es wurde nicht so ganz. An der Tischdecke hing bei der Abholung ein kleiner Zettel: „Ihre Flecken konnten bei der Reinigung nicht entfernt werden.“

Nun stand ich da mit meiner Decke, die ich doch so gern mag. Ich habe sie traurig angeschaut - und irgendwie habe ich dann lachen müssen. Die Tischdecke hat mich nämlich an unseren schönen Familienabend erinnert: Wie wir miteinander Raclette gegessen haben, stundenlang beieinander waren. Und mir ist wieder eingefallen, woher der orangefarbene Fleck gekommen ist. Mein Sohn hatte ein paar farbenfrohe Cocktails gemixt und beim Anstoßen war mir etwas übergeschwappt.

Die Decke erzählt mit ihren Flecken jetzt etwas von unserem Leben. Also habe ich beschlossen, dass das nicht so schlimm ist. Denn ich mag es, wenn man Gegenständen das Leben ansieht. Mag es, wenn man sieht, dass sie gebraucht und geliebt werden. Meine Decke, aber zum Beispiel auch der Teddybär meiner Tochter oder der alte Schreibtisch meines Mannes. Abgenutzt, mit deutlichen Spuren des Gebrauchs.

Das richtige Leben ist anders als die strahlenden Bilder aus dem Hochglanzprospekt. Im richtigen Leben geht auch mal was daneben. Auch in meinem Leben läuft gewiss nicht immer alles perfekt. Ich habe echte Fehler begangen. Menschen bewusst oder auch unbewusst verletzt. Hier ein unbedachtes Wort - da eine zu schnelle, eine falsche Reaktion. Oder ich habe etwas vergessen, was ich versprochen hatte.

Manchmal gelingt es, etwas wieder gut zu machen, manchmal leider nicht. An mir liegt es, darauf mit einem guten Blick zu schauen. Ja, das gehört zu mir. Das war ich. Dann muss ich damit leben und mich dazu bekennen.

Und dann setze ich darauf, dass Gott mit den Flecken in meinem Leben gut umzugehen weiß.

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