Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

„Vesperkirchen“ finden zur Zeit an vielen Orten statt. Ich finde diese Mittagstische Klasse. Kirchen und Gemeindehäuser werden geöffnet und warmes Essen gibt es dort für einen symbolischen Preis oder eine Spende.

Freiwillige organisieren das ehrenamtlich. Manchmal gibt es Vesperpäckchen mit handgeschmierten Broten. Hier und dort werden Eintöpfe oder ganze Menüs mit Liebe selbstgekocht. In größeren Städten werden Essen ausgegeben, die aus der Großküche eines Krankenhauses oder einer Senioreneinrichtung kommen. Auch für das Drumherum wird gesorgt: Tische, Stühle, die Ausgabe, ja selbst die Toiletten. Auf den Tischen stehen oft Blumen, bunte Servietten bringen ein wenig Farbe auf den Tisch. Damit zeigen die Kirchen, dass wir bei Gott alle gemeinsam an einem Tisch sitzen.

In der Bibel heißt es einmal: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ So erlebe ich den Mittagstisch bei uns im Ort. Mir gefällt es, wenn Leben in der Kirche ist. Da wird fröhlich geredet, das Geschirr klappert.

Für mich ist das schönste, dass man mit den Tischnachbarn ins Gespräch kommt. Zum Beispiel mit dem Witwer, der sich einfach freut, in diesen Tagen „richtiges“ Essen zu bekommen. Denn seitdem seine Frau verstorben ist, ernährt er sich von Fertigessen. „Geht auch“, meint er, „selbst ist der Mann. Aber das hier ist schon viel besser.“ Ich habe auch eine Frau Mitte sechzig kennengelernt, die gerade ihr ganzes Leben neu organisiert. Nachdem sie nun im Ruhestand ist, merkt sie, dass alle ihre Kontakte und Freundschaften über ihre Arbeit gelaufen sind. Und dann ist da ein Obdachloser, der aus seinem Leben erzählt. Es ist richtig Arbeit, vor dem Kaufhaus zu sitzen, sagt er, wenn der Tagesunterhalt zusammenkommen muss. Er erzählt erst wenig und wird dann immer offener. Die Leute würden oft fragen, wie es denn auf der Straße so sei. Ja, was soll er antworten? Es hat sich leider so ergeben. Er findet den Mittagstisch klasse und lobt die Menschen, die sich engagieren. „Die machen das alle ehrenamtlich. Das ist doch toll“.

Ja, das ist „toll“, finde ich auch. Darum heute einmal ein großes Dankeschön an alle, die sich in den Vesperkirchen engagieren.

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