Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

Sowohl die Operette „Die Fledermaus“ als auch die Bibel kritisieren verkrustete gesellschaftliche Strukturen. Dabei kommt „Die Fledermaus“ aufs erste Hören und Sehen ganz leichtfüßig daher. Eine turbulente Verkleidungsposse kombiniert mit großartigen Melodien. Doch hinter der frischen Komödie entdecke ich auch Abgründe. Soziale Unterschiede und Konventionen zwängen Menschen in Rollen, denen sie nur durch eine Verkleidung entkommen können – und durch übermäßigen Alkoholkonsum. „Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist,“ ist das Credo dieser Operette – und dieses Vergessen gelingt am besten mit Champagner. Jetzt wäre nichts langweiliger, als bei dieser völlig moralfreien Oper den moralischen Zeigefinger zu erheben. Außerdem kann ich mich durchaus für einen guten Champagner begeistern. Aber ich kann dem nicht ausweichen: unter und hinter der mitreißenden Musik deutet sich der gesellschaftliche Kollaps an. So tanzen alle Beteiligten miteinander auf dem Vulkan.

In der Bibel finden sich ebenfalls umstürzende Lieder. Es sind Frauen, Miriam und Hanna und Maria, die sie anstimmen, und sie erzählen davon, dass sich die Verhältnisse radikal umdrehen. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“, singt Maria, und anders kann es gar nicht sein, weil Gott seinen eigenen Blick hat, einen zärtlichen Blick auf seine Menschen, weil Gott sich nicht blenden lässt von Reichtum und Macht. „Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen“. Vielleicht hat Maria ja mit einem ähnlichen Schmelz gesungen wie die Zofe Adele in Strauß Operette. Schmelz, unter dem ein Abgrund spürbar ist. Marias Lied ist ein garstiges, ein misstönendes Lied für die, die ihr Herz für die Bedürftigen und Armen verschließen, die sich verhärten und nicht barmherzig sein können. Marias Lied ist nicht gefällig. Offenbar hat Musik die Macht, Menschen zu ermutigen, sich nicht mit Gegebenheiten abzufinden, die alles andere als in Stein gemeißelt sind.

Es steht der Kirche gut zu Gesicht, diese prophetische Musik nicht zu vergessen. Offenbar hat Gott ein Ohr für seine Menschen, die unter bedrückenden gesellschaftlichen Verhältnissen leiden. Und er lässt sie Lieder komponieren, die von einer gerechteren Welt singen. Glücklich ist eben nicht, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist, sondern wer sehr genau hinsieht, wo die Welt aus den Fugen gerät. Wer es aushält, das zu hören, darf sich gerne auch mit gutem Gewissen ein prickelndes Glas gönnen.

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