Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06FEB2020
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Es gibt ein Weihnachtsgeschenk, das mich jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert begleitet. Kein Schmuckstück nur ein Stück Papier, aber dessen Inhalt hat sich in meinem Kopf und in meinem Herzen festgesetzt. Auf dem Gabentisch lag damals ein Kuvert. Zunächst vermutete ich natürlich Geldscheine darin. Aber als ich ihn geöffnet hatte hielt ich einen schlichten Zettel in der Hand. Darauf stand: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Was hatte es damit auf sich?
Es war der Losungsspruch für den Tag meiner Geburt.

Seit knapp drei Jahrhunderten wird für jeden Tag des Jahres ein Bibelwort ausgelost. Zusammengestellt in einem Büchlein kann man die sogenannten Losungen dann für das jeweilige Jahr kaufen. Christen auf der ganzen Welt starten so mit diesem Impulsvers in den Tag. Meine Mutter hatte sich nun erkundigt, welcher Vers am Tag meiner Geburt dort stand. Und das war genau dieser Satz aus dem Psalm 139: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin.

Was macht das mit einem Heranwachsenden, der sich noch mit Selbstzweifeln herumschlägt und sich oft unsicher und ungenügend fühlt? Nun, ich habe angefangen mich selbst anders zu sehen. Ich habe mir erlaubt diese Sicht von König David zu übernehmen. Dieser bedeutendste König Israels ist nämlich der Verfasser des Psalms 139.

Seitdem denke ich mir. Auch wenn ich weder zum Model tauge noch zum König, bin ich doch in Gottes Augen auch wunderbar gemacht. Jeder Mensch ist ein Wunder. Und wer ein Neugeborenes bestaunen kann, bekommt leicht eine Ahnung davon.

Aber wenn jemand eine Niederlage erlebt oder verletzt wird, dann verliert er leicht aus dem Blick, dass er oder sie etwas Besonderes ist. Gerade wenn jemand sich unzulänglich fühlt. Vor seinen eigenen Ansprüchen oder denen anderer, gerade dann ist es hilfreich sich wieder bewusst zu machen. Unabhängig von meinem Aussehen, meiner Intelligenz oder Sportlichkeit bin ich ein Unikat Gottes. Das gibt meinem Leben Bedeutung und ein gesundes Selbstbewusstsein. Ich weiß, Gott bin ich wichtig.

Jetzt habe ich von mir geredet. Aber wie wäre es, wenn sie auch die Sicht von König David für ihr Leben übernehmen und sagen würden: Ich danke dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Dann könnte ein neues Licht auf ihr Leben fallen. Vielleicht schon heute.

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