Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

31JAN2020
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Am Sonntag ist der 75. Jahrestag seiner Ermordung. Alfred Delp wurde am 2. Februar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet, kurz vor Kriegsende, wie etliche aus dem Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime. Manchmal denke ich darüber nach: Was wäre wohl gewesen, wenn Menschen wie er überlebt hätten? Wie hätte er unsere Gesellschaft beeinflusst und natürlich auch: unsere Kirchen? Alfred Delp war Priester und Jesuit. In den letzten Wochen vor seinem Tod, im Winter 1944/45 hat er in seiner Gefängniszelle in Berlin-Tegel Meditationen und Aufsätze geschrieben. Für mich gehören sie zum Eindrucksvollsten, was ich je kirchlich und geistlich gelesen habe. Kluge und weitsichtige Sätze finden sich darin. Sätze, mit denen man die katholische Kirche auch heute noch verändern, erneuern könnte.

Alfred Delp spricht zum Beispiel von der „Rückkehr der Kirchen in die Diakonie.“ In den Dienst. Er schreibt: „Es wird kein Mensch an die Botschaft vom Heil und vom Heiland glauben, solange wir uns nicht blutig geschunden haben im Dienste des physisch, psychisch, sozial, wirtschaftlich, sittlich oder sonstwie kranken Menschen.“ Dienst an den Menschen: Das ist für Delp die größte Aufgabe der Kirche. Die Kirchen sollen den Menschen nicht Vorhaltungen machen, sie sollen ihnen nachgehen und nachwandern „auch in die äußersten Verlorenheiten“, sagt er. Und: Kirche darf keine Monologe halten, sie muss in den Dialog gehen. „Damit meine ich die geistige Begegnung als echten Dialog“, schreibt Alfred Delp.

Die ganze Haltung, die Erscheinungsweise der Kirche muss anders werden: „Weg von der Anmaßung zur Ehrfurcht“, schreibt Delp, „Ehrfurcht dem anderen Menschen gegenüber“. Und er erklärt weiter: „Der anmaßende Mensch ist schon in der Nähe der Kirche immer vom Übel, geschweige denn in der Kirche oder gar im Namen der Kirche.“ Was für klare Worte. Ich glaube, das ist die Richtung, in die auch heute Veränderung gehen muss, in der Kirche, aber nicht nur da, auch etwa in der Politik und im Internet: weg von der Anmaßung und hin zu mehr Ehrfurcht dem anderen Menschen gegenüber und zu echtem Dialog.

 

(vgl. Alfred Delp, Mit gefesselten Händen. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Freiburg 2007)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30233