Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

30JAN2020
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In Frankfurt startet heute eine besondere Versammlung. Rund 250 Katholikinnen und Katholiken kommen zusammen, um über die Zukunft der Kirche in Deutschland zu beraten. Bischöfe und viele Menschen, die sich an unterschiedlichen Orten, in Pfarrgemeinderäten oder kirchlichen Verbänden in der Kirche engagieren. Es ist die Vollversammlung des so genannten „Synodalen Wegs“, und sie tagt zum ersten Mal, drei Tage lang, bis Samstag. Die katholische Kirche muss sich wandeln, sie muss ihre Strukturen überdenken und verändern. Das ist klar, spätestens seit dem Entsetzen über den furchtbaren sexuellen Missbrauch in der Kirche.

Ich weiß noch, wie ich im September 2018 in der S-Bahn saß und die ersten Zahlen gelesen habe aus der Studie der Bischofskonferenz über die sexualisierte Gewalt in der Kirche. Die Tränen sind mir in die Augen getreten, mitten in der S-Bahn. Wie schrecklich, was da herauskam. Über 3600 Kinder und Jugendliche, die von Klerikern missbraucht worden sind, und über 1600 Täter. Aber schlimm war nicht nur der Missbrauch als solcher. Schlimm war auch: Die Gewalt wurde gedeckt. Bischöfe, Vorgesetzte haben weggeschaut, versetzt und vertuscht, statt sich darum zu kümmern, dass der Missbrauch aufhört und die Betroffenen Hilfe bekommen. Sie haben sich mit den Tätern solidarisiert, nicht mit den Opfern, die sich heute lieber „Überlebende“ nennen. Viele haben sich durch diese Vertuschung noch ein zweites Mal missbraucht gefühlt: weil ihnen nicht geglaubt wurde, ihnen keiner zugehört hat.

Die Studie von 2018 hat auch zum ersten Mal ganz klar gezeigt: Das hat mit Strukturen zu tun, mit Strukturen von Macht und auch von Männlichkeit, mit patriarchalen Strukturen. In Frankfurt wird deswegen über „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“ gesprochen und über „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“.

Ich hoffe und bete, dass diese Versammlung des „Synodalen Wegs“ in Frankfurt gut berät und weise entscheidet. Und ich hoffe und bete für die Überlebenden von sexuellem Missbrauch. Dass sie Heilung erleben, Hilfe und Entschädigung bekommen. Und Menschen an ihrer Seite haben, die sie stützen und stärken.

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