Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

28JAN2020
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Eine Frau hat mir letztes Jahr erzählt, wie ihr Mann sie sehr total überrascht hat:
Der Wecker klingelt. Ein neuer Arbeitstag beginnt. Nur: Ihr Mann rührt sich nicht. Der dreht sich nur um - und schläft wieder ein. Nach einer Weile rüttelt sie an ihm: „Aufstehen, der Wecker hat geklingelt!“ Der Wachgerüttelte dreht sich um und sagt verschlafen: „Heute bleibe ich da. Heute beginnt mein Ruhestand. Wir frühstücken später!“ Geahnt haben es alle. Gesagt hat er es aber keinem.

Wie geht das denn, habe ich mich gefragt: Den Beginn des Ruhestandes geheim halten? Vor Freunden und Bekannten und auch vor der eigenen Familie. Und wieso?

Für Männer sei der Eintritt in den Ruhestand der tiefste Einschnitt in ihrem Leben, sagte mir ein Kollege, für Frauen, wenn sie Mutter werden. Ist das so, frage ich mich? Ein Ruheständler sagte mir dazu unlängst: „Der erste Tag im Ruhestand ist der Tag, an dem du merkst, dass dich niemand mehr braucht.“ Vom „großen Frei“ – wie auf Schwyzzerdütsch der Ruhestand auch heißt – ist da wenig zu spüren. Ich frage mich: Wie kann es gelingen, dass diese Freiheit nicht bitter aufstößt?

Im Psalm auf den Ruhetag – im Psalm 92 – heißt es: „Wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein.“ Blühen und frisch sein – das hat was. Ich stelle mir vor: Leben ohne Zwänge und ohne feste Erwartungen. Frei sein für alles, was bisher so nicht zum Zug kommen konnte. In der Familie, in der Nachbarschaft, dort, wo man lebt. Blühen und frisch sein, kann im Ruhestand auch bedeuten: Zeit haben für Andere; sich engagieren für Ziele, die für die nach uns wichtig sind – für ihre Zukunft.

Keine Frage – die Kräfte nehmen im Alter ab – der Radius wird mit den Jahren enger. Einschränkungen annehmen und daran nicht verbittern, das ist eine große Baustelle. Ich sehe, wie schwer das ist und ich bewundere alle, die daran arbeiten, auch wenn es ihnen nicht immer gelingt. „Ja, solange man körperlich bei Kräften ist. Aber dann“, wird mir oft bedeutet, „dann geht nichts mehr.“ Wirklich nicht?

Ich erlebe, wie Altersschwache Anderen beistehen können. Das müssen keine großen Aktivitäten sein. Wie beglückend ist ein Zuhören für Andere oder auch ein Erzählen von früher. Ein Gruß, ein Anruf, ein Brief. Einfach: Mit-Dabeisein.

Freilich: Für manche Männer, die so lange - manche seit dem 15.ten Lebensjahr - berufstätig sind – ist das eine riesige Umstellung. Gar nicht leicht. Aber vielleicht doch auch verlockend – so ein „Blühen“ im Alter.

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