Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

Manchmal braucht man im Leben jemanden, der einen trägt. Wenn mir als Kind auf langen Wanderungen die Füße wehgetan haben, dann hat mich mein Vater auf seine Schultern gehoben und ein Stück weit getragen. In Zeiten von Krankheit oder Lebenskrisen ist es ebenso wichtig, dass ein Mensch da ist und dich durch diese Zeit mitträgt.

Im heutigen Lied gibt Gott selber das lebenslange Versprechen: „Ja, ich will euch tragen bis zum Alter hin. Und ihr sollt einst sagen, dass ich gnädig bin.“ Jochen Klepper hat das Lied im Sommer 1938 in Berlin gedichtet. Es findet sich heute im Evangelischen Gesangbuch und auch im katholischen Gotteslob.

Ja, ich will euch tragen
bis zum Alter hin.
Und ihr sollt einst sagen,
dass ich gnädig bin.

Ihr sollt nicht ergrauen,
ohne dass ich's weiß,
müsst dem Vater trauen,
Kinder sein als Greis.

Angeregt zu diesem Lied wurde Jochen Klepper durch eine Verheißung aus dem Prophetenbuch Jesaja. „Bis in euer Alter bin ich derselbe“, heißt es dort, „und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich will heben und tragen und erretten.“

Wie sehr sein eigenes Vertrauen in dieses Wort herausgefordert werden würde, das konnte Jochen Klepper damals noch nicht ahnen. Nur wenige Jahre später fühlte er sich von den politischen Verhältnissen so in die Enge getrieben, dass er für sich und seine Familie keinen Ausweg mehr sah. Denn es drohte die Deportation und Trennung von seiner jüdischen Frau Hanni. Um dem zuvorzukommen, schied Jochen Klepper mit ihr und seiner Stieftochter Renate im Dezember 1942 aus dem Leben.

Ist mein Wort gegeben,
will ich es auch tun,
will euch milde heben:
ihr dürft stille ruhn.

Stets will ich euch tragen
recht nach Retterart.
Wer sah mich versagen,
wo gebetet ward?

Jochen Klepper hat in der Gewissheit gelebt, dass – wie es im Neuen Testament heißt - „weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges uns scheiden kann von der Liebe Gottes.“

Diese Gewissheit, da bin ich mir sicher, hat ihn auch an seinem Lebensende getragen. Sie klingt heraus aus der letzten Strophe seines Liedes - wie eine unumstößliche Ermutigung: „Lasst nun euer Fragen. Hilfe ist genug. Ja, ich will euch tragen, wie ich immer trug.“

Es ist so, dass es im Leben Situationen gibt, wo alles Fragen und Grübeln nicht weiterhilft. Dann bleibt mir, mein Leben vertrauensvoll in Gottes gnädige Hände zu legen. Im Vertrauen und in der Gewissheit darauf, dass ich gerade auch dann getragen werde. Über alle Abgründe hinweg.

Denkt der früheren Jahre,
wie auf eurem Pfad
euch das Wunderbar
immer noch genaht.

Lasst nun euer Fragen.
Hilfe ist genug.
Ja, ich will euch tragen,
wie ich immer trug.

CD: Die größten Choräle aus fünf Jahrhunderten, Gerhard Schnitter & Ensemble

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30222