Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

Winterzeit ist Erkältungszeit. Mich erwischt es fast jedes Jahr: Da läuft die Nase, der Kopf schmerzt, der Hals kratzt und ich fühle mich schlapp und krank. Meistens werfe ich dann eine Tablette ein in der Hoffnung, dass ich jetzt bloß nicht auch noch Fieber bekomme. Denn dann müsste ich mich ja krank ins Bett legen. Und krank sein kann ich mir eigentlich nicht leisten. Es gibt so viel zu tun. In meinem Beruf stapelt sich die Arbeit auf dem Schreibtisch. Mein Terminkalender ist voll von wichtigen Treffen und Sitzungen. Und in meiner Familie habe ich auch eine Menge zu erledigen. - Wie soll das alles laufen, wenn ich schlapp mache? Wie sollen die anderen zurechtkommen, wenn ich ausfalle? Nein, krank sein – das geht nicht!

Aber wenn ich ehrlich bin, geht es gar nicht so sehr um meine Arbeit. Der Grund ist: Ich halte mich für unersetzlich. Tief im Herzen bin ich überzeugt, dass die anderen die Arbeit nicht ohne mich schaffen würden. Ich werde unbedingt gebraucht, so denke ich. Doch im Grund weiß ich, dass das gar nicht stimmt. Die Wahrheit ist: Ich bin ersetzbar. Wenn ich krank bin, können auch andere meine Aufgaben erledigen – und sie machen das meist auch gut. Und wenn Termine ausfallen, dann muss ich sie später eben nachholen. Davon geht die Welt auch nicht unter. Spätestens wenn ich in Rente gehe, wird sowieso jemand anderes mich ersetzen. Ich bin ersetzbar. Das muss ich mir immer wieder eingestehen.

Nur für Einen bin ich tatsächlich nicht ersetzbar. Das glaube ich. Für Gott. Jesus erzählt dazu einmal eine Geschichte. Die geht so: Da war ein Hirte, der hatte 100 Schafe. Als eines davon verschwunden war, ließ der Hirte die 99 anderen Schafe zurück und suchte das eine. Er gab nicht auf und suchte so lange, bis er das verschwundene Schaf gefunden hatte. Jesus sagt: Seht Ihr: So ist das bei Gott. Da ist jeder wichtig. Da ist niemand so einfach ersetzbar. Wenn Du nicht bei Gott bist, dann fehlt jemand.

Ich finde, das ist eine wunderbare Botschaft: Am Arbeitsplatz bin ich ersetzbar. Sogar in der Familie können andere meine Aufgaben übernehmen, aber für Gott bin ich nicht ersetzbar. Er liebt jeden Menschen und kann und will auf keinen verzichten.

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