Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

12JAN2020
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Bläserpartita zu Lobt Gott, ihr Christen. 

Lobt Gott ihr Christen alle gleich in seinem höchsten Thron – wie ein Nachhall aus der Weihnachtszeit klingt dieser Choral in das neue Jahr hinein. Passt das noch? Weihnachten ist vorbei – und viele haben nach der Ruhe der Feiertage im neuen Jahr das Bedürfnis, den Blick nach vorne zu richten und neu zu starten.
Wenig bekannt ist, dass es zu dem eingängigen Weihnachtslied von Nicolaus Herman noch einen zweiten Text gibt. Einen Text, der seine Motive aus der Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland nimmt. Ein Text über das Aufbrechen, Suchen und Finden. Passend zum neuen Jahr: Auf, Seele, auf und säume nicht!

Auf, Seele, auf, Ensemble Nobiles

Auf, Seele, auf und säume nicht! Ich lasse mich von diesem Lied gerne mitnehmen – noch einmal, gemeinsam mit den Weisen, zum Kind in der Krippe, aber auch auf die neuen Wegen im neuen Jahr. Aufbrechen, ein neues Ziel suchen – das ist für mich ein guter Impuls zum Jahresbeginn. Dem jungen Theologen Michael Müller, der den Text um 1700 gedichtet hat, ging es dabei vor allem um einen innerlichen, geistlichen Aufbruch, eben einen Weg der Seele:

Lobt Gott, ihr Christen, Orgelvariation

Geh weg aus deinem Vaterhaus zu suchen solchen Herrn,
und richte deine Sinne aus auf diesen Morgenstern.
Gib acht auf diesen hellen Schein, der aufgegangen ist,
er führet dich zum Kindelein, das heißet Jesus Christ.

Michael Müller, der Dichter, hatte gerade sein Studium in Halle abgeschlossen. Dort stand er unter dem Einfluss von August Hermann Francke, einem Vordenker des Pietismus.
Auch wenn mir manches am Denken dieser Zeit fremd ist – die Art, wie Michael Müller den Weg zum Kind in der Krippe beschreibt, spricht mich an. Es geht nicht um eine äußere Ortsveränderung. Aufbrechen heißt zurückzulassen, was lähmend sein kann: Feste Gewohnheiten und eingefahrene Sichtweisen, das Kreisen um sich selbst. Geh aus dir heraus – so fordert mich eine Strophe auf, die heute nicht mehr im Gesangbuch enthalten ist. Und weiter:

Lobt Gott, ihr Christen, Orgelvariation

Drum mache dich behende auf, befreit von aller Last
und lass nicht ab von deinem Lauf bis du dies Kindlein hast.
Halt dich im Glauben an das Wort, das fest ist und gewiss;
Das führet dich zum Lichte fort aus aller Finsternis.

Der Leitstern, dem es zu folgen gilt, ist für Michael Müller „das Wort“ – das Evangelium, die gute Botschaft, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist. Was aber ist das Ziel der Reise?

„Du, du bist selbst das Bethlehem“, heißt es in einer anderen alten Strophe. Wenn die Seele ganz beim Kind in der Krippe angekommen ist, dann ist das Kind ganz in der Seele angekommen. Dann, so verstehe ich Müller, breitet sich das Gefühl, geliebt zu sein, im Herzen aus. Der Dichter selbst muss das für sich als eine große Erleichterung, ja Befreiung erlebt haben:

Bläserpartita

Hier fallen alle Sorgen hin, zur Lust wird alle Pein;
Es wird erfreuet Herz und Sinn in diesem Jesulein.

Ich glaube, ich kann nachspüren, was er meint. Die Lebensfreude, die sich ausbreitet, wenn ich in einem Moment sicher bin: Ich darf sein. Egal, was ich mitbringe, egal, was ich zurücklasse: Es ist gut, dass ich bin. Und deshalb will ich sein, wie es gut ist. Ja, in solchen Momenten öffnet sich eine Tür ins Helle und Weite. Ins Leben.

Hier ist das Ziel, hier ist der Ort, wo man zum Leben geht.
Hier ist des Paradieses Pfort, die wieder offensteht.

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