Manuskripte

SWR3 Gedanken

14JAN2020
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Die tiefen Töne kann sie nicht mehr hören. Da hilft auch kein Hörgerät. Vor einigen Monaten hat Sonja eine Art Hörsturz gehabt. Die Folgen waren extreme Geräuschempfindlichkeit und ein Echohall im Ohr.

Für eine Musikerin eigentlich eine Katastrophe. Aber Sonja sitzt auf der Orgelbank und lächelt mich an. Eben hat sie souverän Lieder begleitet und mit einem Nachspiel brilliert.

„Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich die tiefen Töne nicht mehr höre“, sagt sie. „In der Reha habe ich gelernt, wie ich damit umgehen kann. Und ein Echo im Ohr habe ich auch nicht mehr.“

Sie schwärmt mir von ihrer Reha nach dem Hörsturz vor. Dort hat sie nicht nur das Echo verloren, sondern auch die Angst vor schrillen Geräuschen. Und vor den Basspedalen an der Orgel, deren Klang sie nicht mehr wahrnimmt.

Ihrem Spiel habe ich das nicht angehört. Ich stelle mir vor, dass das ungefähr so ist, wie wenn man mit geschlossenen Augen Sätze schreibt und sie nicht lesen kann.

Sonja wirkt allerdings nicht wie eine, die sich von ihrem Handicap einschüchtern lässt. Sie ist so dankbar, dass es ihr wieder viel besser geht, dass es Menschen gibt, die ihr helfen konnten, und dass es einen Gott gibt, an den sie sich wenden kann.

Das, meint Sonja, ist überhaupt das Beste: Wenn mir etwas über den Kopf wächst, oder ich nicht mehr weiter weiß, kann ich alles nach oben abgeben. Dann sag ich ‚Lieber Gott, ich weiß hier nicht mehr weiter, übernimm‘ du das für mich‘.“ „Und dann?“, ich bin gespannt.

Sonja strahlt: „Bisher hat sich dann tatsächlich jedes Mal die Situation entspannt oder geregelt.“ Und dann fügt sie hinzu: „Weil ich so viel an Gott abgeben kann, kann ich auch vieles annehmen.“ Als ich schon draußen bin, höre ich sie nochmal spielen. Es ist ein Halleluja-Lied.

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