Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Gott wohnt nicht in der Kirche, aber man kann dort besonders gut an ihn denken.“1 So hat es ein vier Jahre altes Mädchen einmal ausgedrückt. Kein Theologe hätte das treffender sagen können!

Gewiss, an Gott denken kann ich auch außerhalb eines Gotteshauses. Viele Zeitgenossen finden Ruhe und Besinnung in der Natur: bei einem Spaziergang im Wald, am Flussufer,am Strand oder bei einer Tour durch die Berge.

Aber vielen gläubigen Menschen geht es so wie dem kleinen Mädchen: Im Kirchenraum fühle ich mich meinem Gott besonders nahe. Und dieses Gefühl der Nähe ist nicht an die Mitfeier des Gottesdienstes gebunden. Oft empfinde ich die Geborgenheit des Ortes noch viel deutlicher, wenn ich allein in der Kirche bin. Das mystische Halbdunkel des Raums, das wärmende Licht der Kerzen, der manchmal noch wahrnehmbare Duft des Weihrauchs , das alles nimmt mich gefangen.

Und dann die Stille, die mich zur Ruhe kommen lässt. Dabei ist es nicht entscheidend, ob ich in einem mächtigen Dom sitze, in einer Dorfkirche oder in einer kleinen Kapelle. Ich spüre die atmosphärische Dichte des Raums. Woher kommt sie? Vielleicht sind es die unzähligen Gedanken und Gebete, die von den Gläubigen über Generationen an diesem Ort zum Himmel geschickt wurden? Mag sein.

Mir ist natürlich bewusst, dass Gott mir überall auf der Welt nahe sein kann. Aber ich weiß auch: Ich bin nicht überall derselbe. In einer Kirche – im Haus Gottes – fällt es mir leichter, „an ihn zu denken“ – so wie es das kleine Mädchen gesagt hat.

Und so wird der Kirchenraum zu einem Rastplatz für die Seele, zu einem Ort der Begegnung mit dem, der doch so unendlich weit über Raum und Zeit hinausreicht. 

 

1: zit. nach: Goecke-Seischab, Margarete Luise/Harz, Frieder: Der Kirchenatlas. München, 2008, S. 9

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